Es läutet, du nimmst den Hörer ab – und dann ist einer dran, bei dem du entweder aufstehen oder gar hin- und hergehen mußt. Zum Brauchtum des Telephonierens gehört also unbedingt die Zusatzstrippe. Sie muß so lang sein, daß du während des Gesprächs beweglich bleiben kannst.

Bei uns zu Hause hat diese Schnur eine Länge von sechs Metern. Die Distanz vom Abstellplatz des Apparates (auf dem Flur) bis zur nächsten Schreibgelegenheit (auf dem Wohnzimmertisch) beträgt bei uns fünf Meter. Womit gleichzeitig gesagt ist, daß das Verhältnis zwischen Anschluß und Gespräch in unseren vier Wänden scharf durchkalkuliert ist. Denn als Journalist führt unsereiner nicht selten Gespräche, bei denen er nicht nur zu reden, sondern auch noch zu schreiben hat.

So weit, so gut; denn bei dem hohen Stand unserer Technik darf man ja erwarten (zumal, wenn man bei der Funkausstellung in Berlin war), daß eine mit sechs Metern ausgezeichnete Schnur in etwa auch sechs Meter lang ist. Bei uns allerdings ist diese Strippe – geht es Ihnen auch so? – nur etwa zwei Meter lang, wenn man mit dem Apparat in der Hand losmarschiert. Die restlichen Meter sind einfach verschwunden in merkwürdigen Spiralen, mit denen sich die Schnur selbsttätig aufgezwirbelt hat.

Neulich hatte sich bei mir der Westdeutsche Rundfunk angesagt. Es ging um ein Live-Interview über Fußball per Telephon. Mit Minutenangabe. Ich hatte mir einige Notizen gemacht, die ich vorsorglich auf dem Tisch ausgelegt hatte. Und dann kam pünktlich der Anruf.

Die Schnur, die wir aus optischen Gründen hinter der Truhe im Flur versteckt halten, mußte nun ausgerollt werden. Aber etwa nach drei Metern war Schluß. Der Marsch zum rettenden Notizblock wurde vorzeitig gestoppt. Die Spiralen in der Strippe waren zwar enger, aber gleichzeitig auch widerstandsfähiger geworden. Den Hörer in der einen, den Apparat in der anderen Hand – blieb der Tisch unerreichbar. Es fehlten mir etwa zwei Meter. So muß ein Schiffbrüchiger empfinden, dem vom Ufer her ein Seil zugeworfen wird, das kurz vor Erreichen des Zieles immer wieder zurückschnellt.

An eine Entwirrung der Spiralen in der Strippe war nicht zu denken; denn Köln war mit zigtausend Hörern (hoffe ich doch) live am Gerät. Man stelle sich vor, ich hätte die paar Gesprächsminuten damit verplempert, meine Telephonschnur zu verlängern. Nun, der Zwang zur Improvisation (die Notizen auf dem Tisch blieben unberücksichtigt) bekam diesem Gespräch (denke ich) ganz gut.

Aber es ist immerhin sehr zweifelhaft, ob ein Manager, der sich am Telephon abreagieren möchte, noch zu seinem Recht kommt, wenn sich seine Schnur selbsttätig aufgedreht hat.