Napoleon-Verehrer (zu denen auch Goethe zählte, noch als Achtziger) rührt dies immer wieder zu Tränen: Daß und wie die österreichische Kaisertochter Marie Louise, seine zweite Frau, ihn, den gestürzten Adler, verriet und betrog und daß Österreichs Staatskanzler Metternich den Grafen Neipperg auf sie ansetzte, damit er sie verführe, und daß Metternich ihren und Napoleons Sohn, den Herzog von Reichstadt, an der Schwindsucht habe eingehen lassen, indem er den Kranken nicht in ein Land mit gesünderem Klima habe reise lassen. Letzteres aber sind Verleumdungen, mögen sie von napoleonfreundlichen Historikern (nicht nur französischen) auch noch so oft wiederholt worden sein. Daß die Wirklichkeit anders war, daß sich alles viel verworrener, alltäglicher und – was Marie Louise angeht – in völliger Hilf- und Ratlosigkeit abspielte, zeigt

Irmgard Schiel: „Marie Louise. Eine Habsburgerin für Napoleon“; Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, 1983; 424 S., 39,80 DM.

Ihr Buch – leicht lesbar und sogar spannend, obwohl doch der Ausgang der Geschichte, in der die achtzehnjährige „gehorsamste Tochter“ des „guten Kaiser Franz den politischen Gegebenheiten geopfert wird, allgemein bekannt ist – zeichnet sich durch eine Fülle von Informationen aus. Irmgard Schiel (die Zeitungswissenschaften, Geschichte und Literaturgeschichte studiert hat) stützt sich auf ein reiches Quellenmaterial, vor allem auf die vielen erhaltenen Briefe von und an Marie Louise, die im Habsburger Familienarchiv verwahrt werden; auf weitere 8000 Briefe aus dem Montenuovo-Nachlaß (die Verwandte, Freunde, Erzieherinnen, Ärzte, Militärs, Politiker, Bedienstete an Marie Louise geschrieben haben); auf die Briefe des Herzogs von Reichstadt und die seines Erziehers Dietrichstein an sie; auf ihre 1945 in Stockholm aufgetauchten Briefe an Napoleon und schließlich auf ihren Briefwechsel mit der Herzogin von Montebello, ihrer langjährigen Vertrauten. Daß Irmgard Schiel aus den Briefen ausführlich zitiert und daß sie, die lange Zeit als Journalistin gearbeitet hat, immer auch die Jahrgänge der Wiener Zeitung von 1791 und 1847 heranzieht, macht ihr Buch so überaus lebendig, menschlich, zugleich überzeugend.

Sie zeigt Marie Louise als – so sagt sie – „eine normale Durchschnittsfrau, die gezwungen wurde, ein falsches Leben zu führen, eine in einer Phase ihres Lebens sogar tragische Gestalt. Eine Statistin wurde über Nacht als Protagonistin auf die Weltbühne gestellt und, als das Stück zu Ende war, wieder in die Kulissen zurückgeschickt“. Ihr Sohn, der Herzog von Reichstadt und von Napoleon betitelter „König von Rom“, der am Wiener Hof aufwuchs, bei seinem Großvater, dem Kaiser Franz, meinte von ihr: „Sie war nicht die Frau, die mein Vater verdiente.“ Ein Freund von ihm urteilte milder: „Sie war, was sie sein konnte, kein Mensch vermag mehr.“ Aber was der jungen Habsburgerin abverlangt wurde, war mehr als sie zu leisten vermochte. Als Kind hielt sie Napoleon für einen „Menschenfresser“.

Irmgard Schiel, die mit dem nur 56 Jahr langen Leben dieser Habsburgerin zugleich den ganzen weltpolitischen Hintergrund darstellt (und die manchmal so zufälligen, aus ganz persönlichen Animositäten getroffenen Entscheidungen), zeigt vor allem auch jenen Abschnitt von Marie Louises Leben, von dem üblicherweise kaum die Rede ist: Ihre Zeit und (anfangs heimliche) Ehe mit dem Grafen Neipperg (mit mehreren Kindern), ihre unzweifelhaft nymphomanischen Jahre mit zahlreichen Liebhabern, ihre dritte Ehe (mit dem Grafen Bombella). Das war im wesentlichen ihre Zeit als Herzogin von Parma. „In einem bescheideneren Stück und auf einer kleineren Bühne ... spielte sie zuletzt doch noch eine Rolle zur allgemeinen Zufriedenheit.“ Drei Jahrzehnte lang fühte Marie Louise als „La buona duchessa“, als die gute Herzogin, eine glückliche Herrschaft über die Herzogtümer Parma, Piacenza und Guastalla, machte Parma zur Musikstadt und ist da noch heute in guter Erinnerung. Gerhard Prause