Von Roland F. Karl

Sie mußte die Enttäuschung in unseren Gesichtern gelesen haben, diese sanfte einheimische Nonne. Hätte sie uns sonst angesprochen?

Wir saßen schwitzend in lärmender Mittagshitze auf den Stufen des „Post Office“ von Lautoka auf der Fidschi-Insel Viti Levu, die Ansichtskarten vom „Pazifikparadies“ schon im Kasten. Die freundliche Schwester nahm uns einfach mit und entließ uns im tropischen Garten des Haupthauses der Maristenmission in eine muntere Runde europäischer Patres. Fragen folgten, woher und wonin. Father P. J. Bembrick, ein braungebrannter John-Wayne-Typ in den Sechzigern, kaute lässig auf einer Selbstgedrehten und blitzte beim Zuhören verschmitzt aus den Augenwinkeln. Dann ein Grinsen. „Soso, die Zivilisation.“ Schließlich hatten wir nach der Landung auf dem „Nadi International Airport (Fiji)“ in dieser Hinsicht das vorgefunden, was wir kurz zuvor in Auckland so hoffnungsvoll verlassen hatten. Sollte das unsere Südsee sein?

„Könnt ihr früh aufstehen?“ fragte der Father unvermittelt, „so gegen vier?“ Dann brachte man uns, obwohl konfessionslos und unverheiratet, ins Gästezimmer des katholischen Ordenshauses. „Es geht in die Südsee“, hatte er verraten. Mehr nicht.

Manche wurden am Spieß gebraten

Der missionseigene Segelkutter ist vollgeladen. Vor allem mit Zement für die Fundamente eines neuen Schulhauses. Viele Eingeborene machen die lange Überfahrt mit. Manche wollen Verwandte auf ihren entlegenen Heimatinseln besuchen, andere waren Tage zuvor zur Hauptinsel Viti Levu gekommen, um Tee, Tabak und frisches Öl für die Lampen zu kaufen und treten nun die Rückreise an. „Die waren damals nicht zu beneiden“, Father P. J. vertreibt uns mit Geschichten über das Schicksal seiner frühen Amtsvorgänger die Zeit an Deck, „wurden mit ein paar Säcken Lebensmitteln und der Bibel an unbekannten Kannibalenstränden abgesetzt und allein gelassen. Mit den Schiffen schwand auf Jahre hinaus jegliche Hilfe und Verbindung mit der Außenwelt. Bestimmt waren nicht alle so zähe Charaktere wie unser Pater, der mit angeborener irischer Härte seit über dreißig Jahren im Südpazifik Dienst tut. „Die saßen dann hier fest, und manche wurden erschlagen oder am Spieß gebraten!“ Hier – das ist beispielsweise Father Bembricks kleine Missionsstation auf der Yasawa-Gruppe, zehn Bootsstunden von der Hauptinsel Viti Levu entfernt.

Als wir am Abend nach zermürbendem Kreuzen durch Riffe und Felsformationen endlich in die schützende Bucht einlaufen, ist Ebbe – und jeder trägt, was er fassen kann, auf dem Kopf durchs seichte Lagunenwasser zum Strand hinüber. Kinder tauchen aus dem abendlichen Schwarz des Dschungels auf, nehmen ihren „Vater“ glückstrahlend bei den Händen, leuchten den Weg ins Dunkel mit Petroleumlampen. Von den offenen Feuerstellen weht der Rauch.