Wie beim Schwein?

Das verlockende Angebot kommt mit der Post. „Sehr geehrter Herr“, schreibt mir der Ascona-Versand, „wir vertreiben per Direktversand ein Erotik-Spray ‚Äolus 10“. Dieses Spray enthält zwei hormonartige Duftlockstoffe – Pheromone –, welche unterschwellig anziehend auf Frauen wirken. Sind Sie interessiert, das Produkt zu testen?“

Klar doch. Gerade heutzutage, wo die Frauen uns Männern gegenüber immer aufsässiger werden, könnte so ein Spray zur Wunderwaffe im Geschlechterkampf werden. Und, offengestanden: Auch ich wirke auf Frauen nicht so anziehend, wie ich mir das manchmal wünsche. Eine unterschwellige Nachhilfe könnte da nicht schaden. Folglich ordere ich das Lockmittel.

Äußerlich sieht „Äolus 10“ (Stammkundenpreis 40 Mark) eher unscheinbar aus. Es handelt sich um ein goldfarbenes, lippenstiftgroßes Sprühfläschchen, ähnlich den Taschensprays, die Mundgeruch vertreiben. Als Hersteller zeichnet die Firma Medical Expreß Ltd. London. Die Gebrauchsanweisung klassifiziert den Stoff als „hochwirksames chemisches Anziehungsmittel für weibliche Wesen“. „16 -ungesättigte C19 Steroide“, was immer das sein mag, machen „statistisch nachgewiesenermaßen“ Frauen munter.

Leider bringt das Kleingedruckte wieder einmal diverse Einschränkungen. Der Köder will sorgsam dosiert sein; zwei bis drei Sprühsekunden auf Hemd, Pullover oder Kragen sind das Maximum. Do not overspray! warnt die Anleitung. Anderenfalls mache sich ein bitterer Geruch bemerkbar, der einen umgekehrten, nämlich abstoßenden Effekt zur Folge habe. Auch könnten Körpergerüche, fettige Haare, Parfüms oder Tabakrauch die Wirkung beeinträchtigen. Vorschriftsgemäß benutzt, berge „Äolus 10“ gewisse Gefahren: Andere Männer könnten sich über die „unerwartete Konkurrenz“ erbost’ zeigen. Ich nehm’s in Kauf.

Ein Hauch von Moschus – durchaus nicht bloß unterschwellig wahrnehmbar – umgibt mich, als ich den ersten Test in meiner Eppendorfer Stammkneipe starte. Dort bedient seit Jahren Maria, ein ungewöhnlich attraktives Mädchen. Mehr als Getränke und ein bezauberndes Lächeln hatte sie für mich, bedauerlicherweise, nie übrig – bisher. Ich richte es so ein, daß wir uns beim Bezahlen ganz nahe kommen. Jetzt muß sie den Lockstoff gewittert haben, wie wird sie reagieren? Womöglich beiläufig wie erwähnen, sie reagieren? wann sie Feierabend hat?

Fehlanzeige. Ein banales „Tschüß“ ist alles, was mir Maria mit auf den Weg gibt. Habe ich etwas falsch gemacht? Ich studiere nochmals die Gebrauchsanweisung. Da steht’s: „Leute, die Sie kennen, werden von der von Ihnen ausgehenden chemischen Botschaft möglicherweise weniger stark betroffen.“ So ist das also.