Berlin

Eine Gruppe von Bürgern der DDR hat in der Frage der Stationierung neuer Mittelstreckenwaffen einen Brief an die Mitglieder des Bundestages der Bundesrepublik Deutschland gerichtet. Das Schreiben wurde Pfarrer Heinrich Albertz in Berlin übergeben mit der Bitte, seinen Inhalt den Abgeordneten bekanntzumachen. Zu den 37 Unterzeichnern gehören der Schriftsteller Günter de Bruyn, Pfarrer Rainer Eppelmann und der neue Generalsuperintendent von Ost-Berlin, Günter Krusche. Der Brief an die Abgeordneten lautet:

„Wir, Bürger der Deutschen Demokratischen Republik, wenden uns an Sie im Bewußtsein der Verantwortung jedes einzelnen für das Schicksal Europas angesichts der bevorstehenden Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenwaffen. Wir fühlen uns darin denjenigen in der Bundesrepublik verbunden, die wie wir, Christen und Nichtchristen, in einer neuen Runde des Wettrüstens eine Bedrohung des Friedens und des Lebens überhaupt erkennen.

Wir wenden uns an Sie angesichts der uns gemeinsam drohenden Vernichtung im Falle eines Krieges, in der gemeinsamen geschichtlichen Verantwortung der Bürger beider deutscher Staaten, von deren Boden aus in der Vergangenheit zwei Weltkriege begonnen wurden, in der Hoffnung, gehört zu werden, wenn es um uns alle betreffende Entscheidungen für unsere Zukunft geht.

Wir sind uns bewußt, daß auch die DDR und wir, Bürger dieses Staates, eine hohe Verantwortung für den Frieden tragen. Wir, die Unterzeichneten, treten in unterschiedlichen Verantwortungsbereichen für ein der neuen Situation entsprechendes Umdenken von einer Politik der Abschreckung zu einer Politik der Sicherheitspartnerschaft in Europa ein.

Die Aufstellung amerikanischer Mittelstreckenwaffen in der Bundesrepublik wird die Aufstellung neuer atomarer Kurzstreckenwaffen in der DDR zur Folge haben. Dies kann im Konfliktfall beidseitig den Zwang zum präventiven Erstschlag von deutschem Boden aus erhöhen, kann im Falle technischen oder menschlichen Versagens die Bevölkerung beider deutschen Staaten einer nuklearen Katastrophe ausliefern.

Wir, die Unterzeichneten, wollen unsererseits dafür eintreten, daß die Regierung der DDR trotz zunehmender Spannungen an der Politik des Verhandelns, an den Zielstellungen Gewaltverzicht, kernwaffenfreie Zone und Abrüstung festhält.