Florencio Campomanes, der philippinische Präsident des Internationalen Schachverbandes (Fide), strahlte eine Genugtuung aus, als habe er soeben die entscheidende Partie um die Schachweltmeisterschaft gewonnen.

Er hat sie gewonnen. Bei der Tagung der "Fide" in Manila, dem Finale einer seit Monaten andauernden Kraftprobe zwischen dem Verband und seinem mächtigsten Mitglied, der Schach-Föderation der Sowjetunion, gelang Präsident Campomanes ein halb offizieller, halb inoffizieller Deal mit den Russen, der den schlitzohrigen Taktiker als klaren Sieger erscheinen läßt. Im Gegensatz zu Campomanes liefen die Sowjet-Funktionäre denn auch teils mit verlorenen, teils sehr langen Gesichtern durch die Tagungshallen: schlechte Spieler, die sich überreizt hatten.

Dabei haben die Russen ihr Hauptziel erreicht: Die beiden Halbfinal-Kämpfe um die Weltmeisterschaft zwischen Viktor Kortschnoi und Garrv Kasparow sowie zwischen Zoltan Ribli und Wassily Smyslow, in denen Campomanes – wegen Nichterscheinens der Russen – Kortschnoi und Ribli zu Siegern erklärt hatte, werden nun doch stattfinden.

Aber wann, wie und wo (wahrscheinlich noch in diesem Jahr, gleichzeitig, in Graz oder Rotterdam), das darf letztlich der Fide-Präsident entscheiden und damit ein Recht wahrnehmen, das die Russen ihm in langen polemischen Auseinandersetzungen gerade bestritten hatten. Sogar die offizielle Entschuldigung, die Campomanes "für ihre unverschämten Pöbeleien" forderte, erhielt der Präsident in einem diplomatisch verklausulierten Brief des Kosmonauten und Vorsitzenden der UdSSR-Schach-Föderation, Vitaly Sevastianov: "Es wird bedauert, daß es schließlich ... zu akuten Polemiken zwischen der UdSSR-Schachföderation und der Fide kam ...

Es kam dazu, als Campomanes im Sommer 1983 aus den sich bewerbenden Austragungsorten für die Halbfinalkämpfe Orte aussuchte, die den Sowjets nicht genehm waren: Abu Dhabi (für das Ribli-Smymslow-Match), war den Russen wegen Smymslows Alter von 62 Jahren klimatisch, Pasadena (für das Kortschnoi-Kasparow-Match) wegen der Spannungen mit den USA politisch zu heiß. Sie beschuldigten den Fide-Präsidenten, die Fide-Regeln verletzt zu haben, und forderten ihn auf, seine Ortsbestimmungen zurückzunehmen. Als sich Campomanes vom Exekutiv-Komitee der Fide sein Recht mit 8:2 Stimmen (die zwei: UdSSR und Kuba) bestätigen ließ, begannen die sowjetischen Schachfunktionäre unter Verletzung von Schach-, Fide- und Anstandsregeln zu pokern. Sie zogen ihre beiden Kandidaten, von denen der geniale Kasparow von Fachleuten als der zukünftige Weltmeister eingeschätzt wird, einfach zurück, ganz so, wie ein Patzer Figuren opfert, ohne die Kombination richtig durchdacht zu haben.

Dabei überschätzten die Sowjets ihre eigene Stellung und glaubten, der "freche Filipino", den sie früher fest im Griff gehabt hatten, werde nun in Panik aufgeben. Aber Campomanes blieb hart, erklärte Kortschnoi und Ribli zu Siegern und sah der möglichen Spaltung der Fide geradezu mit Frohlocken entgegen: "Die Russen brauchen uns für ihre politischen Machenschaften mehr, als wir sie brauchen. Eine Fide ohne die Russen, das bedeutet ein paar Spitzenspieler weniger, aber eine Menge mehr Frieden."

Auch auf weitere Beschimpfungen von russischer Seite reagierte Campomanes gelassen. Er erhöhte den "Versöhnungspreis" und forderte "öffentliche Entschuldigung für all die Lügen, bevor irgend etwas geht". Dann endlich hatten die Sowjets erkannt, daß ihr Figurenopfer als billiger Bluff entlarvt war: Es galt nun, die dummen Züge zurückzunehmen, ohne allzuviel Gesicht zu verlieren.