Für Nichteingeweihte roch es, wieder einmal, nach Nobelpreis paradox. Am Montag letzte Woche benannte die Stockholmer Jury eine 81jährige amerikanische Genetikerin, die vor vier Jahrzehnten obskure Experimente mit Maispflanzen angestellt hatte, als Empfängerin des mit rund 495 000 Mark dotierten Preises für Medizin und Physiologie. Hatte nicht der Stifter Alfred Nobel eigentlich im Sinn gehabt, jene Leistung zu belohnen, die möglichst im Jahr zuvor der Menschheit den größten Nutzen erbracht hatte?

Für Fachleute wie den Kölner Genetik-Professor Peter Starlinger war die Wahl dagegen überfällig. Denn seit einigen Jahren erlebt Barbara McClintock eine Renaissance ihrer Arbeit, wie sie noch selten einem Naturwissenschaftler zuteil wurde.

Sollte der Medizin-Nobelpreis nicht eigentlich eine Auszeichnung für die wichtigsten biologischen Erkenntnisse sein? Schließlich vermögen Ärzte selbst heute noch rund zwei Drittel aller Krankheiten nur symptomatisch, nicht aber ursächlich zu behandeln. Und ohne biologische Grundlagenforschung werden alle Bemühungen, etwa Krebs zu kurieren, nichts als Stückwerk bleiben.

So gesehen ist Barbara McClintocks Auszeichnung erste Wahl. Ihre bei den Experimenten mit Mais gewonnene Erkenntnis, daß zumindest einige der genetischen Informationen nicht starr wie die Buchstaben einer Gebrauchsanleitung im Erbgut verankert sind, durchlief in den letzten Jahren eine Karriere wie einst Einsteins Relativitätstheorie: Jeder bewundert sie“, meint der amerikanische Genetiker Allan Campbell, „aber nur wenige verstehen sie wirklich.“ Auch das Nobelpreis-Komitee scheute sich nicht, bei der Begründung seiner Entscheidung den Namen eines Giganten der Naturwissenschaften zu nennen: Es verglich McClintocks Arbeit mit der des Begründers der Vererbungslehre, Gregor Mendel „Sie führte ihre Arbeiten alleine und zu einer Zeit durch“, heißt es in der Laudatio, „als ihre Zeitgenossen noch nicht in der Lage waren, die Allgemeingültigkeit und Bedeutung ihrer Entdeckungen zu erkennen.“ Anders als Mendel kann die amerikanische Genetikerin den Durchbruch ihrer Erkenntnisse freilich selbst erleben.

Jahrzehntelang hatten Genetiker angenommen, die Erbinformationen in den Zellen aller Lebewesen, auch des Menschen, seien so gut wie unveränderlich im universellen Erbmolekül Desoxyribonukleinsäure (kurz DNA) festgeschrieben – mit zwei Ausnahmen: Erstens können bei Mutationen etwa durch energiereiche Strahlung oder bestimmte Chemikalien einzelne Buchstaben im Buch des Lebens verändert werden, und zweitens vermischen sich zu Genen gebündelte Erbinformationen bei der sexuellen Vermehrung (bei der die immer wieder neue Mischung mütterlichen und väterlichen Erbguts für eine Vielzahl von Variationen des gleichen genetischen Grundmusters sorgt).

Barbara McClintock erkannte im Alleingang, daß sich die Natur einer dritten, phantastischen Methode der genetischen Veränderung bedient: Bestimmte Gene, heute Transposons genannt, vermögen innerhalb des Erbguts hin- und herzuspringen. Der Sturz des Dogmas vom starren Erbgut war freilich nicht Ziel, sondern Nebenprodukt einer ungemein scharfsinnig und sorgfältig vorgenommenen Versuchsserie mit Maispflanzen.

Eigentlich hatte McClintock Pflanzenzüchterin werden wollen, wie die Amerikanerin Evelyn Fox Keller in ihrer kürzlich erschienenen Biographie der großen Forscherin schreibt (A Feeling for the Organism, Verlag W. H. Freeman). Doch 1918 war dieses Fach an der Cornell-Universität Frauen noch verwehrt. McClintock studierte deshalb Genetik und Zellbiologie. Nach der Graduierung zeigte sie ihren Kollegen, daß die Genetik des Maises nicht nur durch die Analyse der gezüchteten Pflanzen, sondern auch durch das Studium der Mais-Chromosomen unterm Mikroskop untersucht werden kann.