Forschung im Deutschen Historischen Institut in London: Bausteine für ein europäisches Geschichtsbild

Von Wolfgang J. Mommsen

Das Haus Nr. 17 Bloomsbury Square, in unmittelbarer Nähe des British Museum und der Universität London gelegen, ist eines der wenigen in der Substanz erhaltenen historischen Gebäude in Bloomsbury; es erhielt seine heutige Gestalt, mit Ausnahme des im 19. Jahrhundert hinzugefügten obersten Stockwerks, im späten 18. Jahrhundert und gilt als das früheste Werk des berühmten englischen Architekten John Nash, dem Schöpfer der Regent Street.

Über hundert Jahre lang diente es als Hauptquartier einer der bedeutendsten englischen wissenschaftlichen Gesellschaften, der British Pharmaceutical Society, bis es dann in den 60er Jahren von der britischen Regierung aufgekauft wurde. Seit 1976 hatte das Gebäude leer gestanden und war schließlich zum nach englischem Recht nicht unbedingt illegalen Heim zahlreicher Hausbesetzer geworden. Die Stiftung Volkswagenwerk konnte das Haus 1981 erwerben und in seinem alten Glanz restaurieren lassen. Es bietet hervorragende räumliche Verhältnisse für die Arbeit der nunmehr dort untergebrachten Institutionen, namentlich des Deutschen Historischen Instituts London (DHI). Insbesondere die der Öffentlichkeit zugängliche Forschungsbibliothek des DHI hat sich in den restaurierten Bibliotheksräumen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts hervorragend eingerichtet. Die wiederhergerichteten denkmalgeschützten Räume im ersten Stock mit Deckenstukkaturen der Brüder Adams schaffen eine gute Atmosphäre für Vorträge, Seminare und wissenschaftliche Tagungen.

Es ist eine glückliche Lösung, daß das Deutsche Historische Institut seine endgültige Unterbringung in einem Gebäude gefunden hat, das gleichsam selbst zum britischen Kulturerbe zu zählen ist. Zugleich tritt das Institut, wenn auch nur indirekt, in die Fußstapfen der British Pharmaceutical Society; ein über ein Jahrhundert naturwissenschaftlichen Forschung gewidmetes Gebäude wird nunmehr für historiographische Arbeiten genutzt. Bloß ein Symbol vielleicht, aber in gewissem Sinne ist es für die erfolgreiche Tätigkeit des Deutschen Historischen Instituts London eine ideale Voraussetzung, wenn es sich auf diese Weise mit der Tradition des Gastlandes, dessen Geschichte in erster Linie Gegenstand der eigenen Forschungen ist, identifizieren kann.

Das Deutsche Historische Institut sieht seine Hauptaufgabe darin, die Geschichte Großbritanniens und des britischen Commonwealth und darüber hinaus die deutsch-englischen Beziehungen im Rahmen des internationalen Mächtesystems zu erforschen. Zugleich aber soll die Zusammenarbeit zwischen der deutschen und der britischen historischen Forschung gefördert werden. Helfen sollen dabei regelmäßige Seminare und wissenschaftliche Tagungen, die deutschen und britischen Historikern Gelegenheit geben, ihre Forschungserfahrungen und Forschungsergebnisse auszutauschen. Daneben wird regelmäßig eine (leider begrenzte) Zahl von Stipendien sowohl an deutsche wie auch an englische Doktoranden vermittelt. Die Doktoranden von heute sind in aller Regel die wissenschaftlichen Partner des Instituts in der Zukunft, sowohl im Gastland wie in der Bundesrepublik selbst. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter des Deutschen Historischen Instituts kommen zumeist aus der Bundesrepublik; ihre Tätigkeit in London ist im Regelfall auf drei bis fünf Jahre begrenzt. Es wird erwartet, daß sie sich durch ihre Arbeit im Institut wissenschaftlich so qualifizieren, daß sie anschließend an einer deutschen Universität lehren können.

Diese jüngeren Wissenschaftler, die einige Jahre am Institut gearbeitet haben, geben ihre Kenntnis Großbritanniens und Impulse zu neuen Forschungsprojekten an andere weiter. Mit diesem System der Rotation verbindet sich die Erwartung, die Kenntnis englischer Geschichte und der englischen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Traditionen in der Bundesrepublik am wirksamsten stärken zu können.