ZEIT: Der Bundesgesundheitsrat, ein beratendes Gremium unter der Leitung des Gesundheitsministers Heiner Geißler, plädiert für eine Beschränkung der „Kurierfreiheit“ auf Ärzte. Neue Heilpraktiker dürfen demnach nicht mehr ausgebildet werden. Erschreckt Sie diese Empfehlung?

Liebau: In erster Linie sind wir erstaunt. Der Bundesgesundheitsrat besteht überwiegend aus Vertretern der Ärzteschaft – sie wollen offenbar die leidige Konkurrenz eliminieren. Wenn es zu einer Beschränkung der Kurierfreiheit auf die Ärzte bei gleichzeitiger Besitzstandswahrung für die noch existierenden Heilpraktiker käme, dann würde man zum Zustand während der Nazizeit zurückkehren, der nach dem Kriege als mit dem Grundgesetz nicht vereinbar bezeichnet und geändert worden ist.

ZEIT: Dahinter steht offenbar die Abneigung gegen eine Zweiteilung der Mediziner-Ausbildung – für Vollmediziner auf der einen und eine Art Barfußmediziner oder eben Heilpraktiker auf der anderen Seite. Ist sie nicht begründet?

Liebau: Wir lehnen eine solche Lösung absolut ab, weil sie die Freiheit der Berufswahl und die Wünsche vieler Patienten verletzen würde.

ZEIT: Den neutralen Beobachter kann der Vorschlag freilich nicht so erstaunen wie Sie, wenn er etwa an die Werbung für die verschiedenen Wege zur Heilpraktiker-Ausbildung denkt. Sie vermittelt nicht gerade den Eindruck der Seriosität.

Liebau: Sie rühren damit an dem wunden Punkt unseres Berufsstandes. Es gibt einen Ausbildungs-Wildwuchs, und es gibt unseriöse Ausbildungen und noch unseriösere Werbung dafür. Wenn etwa in Zeiten einer starken Erwerbslosigkeit gesagt wird „Erwerbslos? Werden Sie doch Heilpraktiker“, dann ist das wirklich schlimm. Andererseits kommen die Leute, die eine solche Schnell-Ausbildung machen, meist gar nicht in unseren Berufsstand herein. Wir haben also gar keinen Heilpraktiker-Wildwuchs, sondern nur einen Ausbildungs-Wildwuchs, der ganz an der Peripherie unseres Berufsstandes unseren Ruf versaut. Da werden Leute angelockt, sie zahlen, sagen wir, 5000 Mark ein, kommen beim Unterricht nicht mit, weil alles viel zu schnell geht, und gehen dann. Ihr Geld aber bleibt im Kasten, und die Werbung geht weiter.

ZEIT: Einem dieser kommerziellen Institute haben Sie jetzt per Gerichtsbeschluß untersagen lassen, sich „Kolleg“ zu nennen – war diese öffentliche Aktion nötig?