Von Renate Scheiper

Im Schatten eines riesigen schwarzen Felsens direkt am Meer lagern träge etwa zweihundert Dromedare. In dem durch den Felsen geschützten Hafen haben mehrere große Segelschiffe festgemacht. Unförmige Ballen, vernähte Tierhäute und große Kisten werden von drahtigen dunkelhäutigen Männern ausgeladen. Mit der Ruhe der Dromedare ist es bald vorbei, denn die Waren von den Schiffen werden auf ihre Rücken gepackt. Das Geschrei und Gewimmel durcheinanderlaufender Menschen mischt sich mit dem blökenden Protest der Tiere. Es nutzt ihnen nichts – in wenigen Stunden wird sich die Karawane in Bewegung setzen, um die aus Indien kommenden Güter – Weihrauch, Myrrhe, Gewürze, Edelsteine und Elfenbein – zu den großen Umschlagplätzen am Mittelmeer, nach Jordanien und Syrien zu bringen. So etwa muß es vor zwei- bis dreitausend Jahren zugegangen sein, wenn man vom Plateau des Felsens Husn al-Rhurab, der Krähenfestung, hinunterschaute.

Weit reicht der Blick nach Norden ins Land, wo der weiße Wüstenflugsand in schwarze Vulkankegel übergeht; im Süden verliert sich, das tiefblaue Meer in der Ferne und zerfließt am Horizont. Unbestreitbar – die Krähenfestung war ein guter Aussichts- und Signalposten, bestens geeignet, den Hafenort unten zu verteidigen.

Zwischen Aden und Mukalla, an der Küste des Südjemen, wo der Golf von Aden in den Indischen Ozean übergeht, liegt das antike Qana auf einer etwa 600 Meter ins Meer hinausragenden Halbinsel – Ausgangspunkt der berühmten Weihrauchstraße. Auf halber Höhe des Felsens geht aus zwei Inschriften hervor, daß der Ort früher „Arr Mawiyat“ hieß. Ganz oben auf dem Plateau sind noch Reste der Verteidigungsanlagen, eines Torturmes und sogar einige Zisternen vorhanden. Von hier oben erst ist der Grundriß der einstigen Stadt am Fuße des Berges zu erkennen und die Spuren von Grundmauern vieler Gebäude, die, steht man unten, vom Wüstensand nicht zu unterscheiden sind. Hesekiel 27,22 (etwa 600 v. Chr.) und antike Geographen erwähnen Qana als bedeutendsten Hafen Südarabiens. Hier begannen die Karawanen ihren langen, entbehrungsreichen und gefahrvollen Weg nach Norden.

Heute ist dort alles wüst und leer. Lediglich ein winziger Fischerort, Bir Ali, liegt auf der anderen Seite der Bucht. Doch die Hälfte der einst mit schönen Ornamenten verzierten Lehmhäuser ist verfallen, und ein einheimisches „Hotel“ mit ein paar Bettgestellen im Freien lädt kaum zum Übernachten ein. Da ist es gemütlicher, seinen Schlafsack im Schutz der alten Festung Qana direkt am

Strand auszurollen und unter demselben glitzernden Sternenhimmmel einzuschlafen, den schon die Karawanentreiber über sich sahen.

In weniger als einer Stunde erreicht man heutetrotz holpriger Wege und Pisten – mit dem Jeep Mayfa’at, die erste Station auf der Weihrauchstraße nach Norden. Die Karawanen brauchten einen ganzen Tag für diese Strecke. Von einer hohen Mauer mit nur zwei Toren umgeben, beherrschte die Stadt, auf einem Felsrücken thronend, die vom Meer kommende Karawanenstraße. Hier mußten vermutlich zum erstenmal Schutzzölle gezahlt werden. Und vielleicht konnten sich die Karawanen auch erst hier ausreichend mit Wasser versorgen, denn in der Nähe wurden Reste eines Kanals gefunden, der das aus den Bergen kommende Wasser auffing.