Von Johanna Stadler

Feurige Pferde und geigende Zigeuner, weite Pußta und herzhaftes Gulasch – unsere Phantasie war nicht mehr zu zügeln, als wir uns, fünf Frauen und ein Mann, auf das Ziel unserer Spätsommerreise geeinigt hatten: Ungarn. Der Reiz, einmal ein sozialistisches Land kennenzulernen, hatte genauso stark auf unsere Entscheidung gewirkt wie die geographischen Gegebenheiten: Das Land der Magyaren ist flach. Keine unangenehme Eigenschaft angesichts des Reisevehikels, das wir für unsere Tour ausersehen hatten – das Fahrrad. Die Routenwahl wurde schnell und unkompliziert gelöst: bis Wien mit dem Zug und dann immer ostwärts. Das prächtige Spätsommerwetter verführte uns noch zu einem Bad im Neusiedler See, aber dann radelten wir zielstrebig, voll Neugier und Elan, zum Grenzübergang Hegyeshalom.

Entgegen den Voraussagen neidischer Besserwisser („dort läßt man euch doch warten, bis ihr schwarz seid“) erhielten wir schon nach einer halben Stunde unser Visum und auch gleich den ersten Dämpfer. Nachdem wir die ungarischen Schlagbäume passiert hatten, wurden wir harsch aus unseren ungarischen Träumereien gerissen: Pußta und Romantik beginnen halt doch nicht gleich hinter der Grenze. Nicht genug, daß die stinkenden Zweitaktmotoren der Ladas und Wartburgs uns das Gefühl gaben, zur Stoßzeit eine Radltour auf dem Münchner Stachus zu unternehmen; nicht genug, daß jeder Überholvorgang von einem lang anhaltenden, durchdringenden Hupkonzert begleitet war; nicht genug, daß die abgeernteten Felder neben der schnurgeraden Straße außer einem öden Eindruck nichts boten; zu alledem setzte nun auch noch ein stürmischer Ostwind ein. Von den einhundert Kilometern, die wir als Tagesetappe angepeilt hatten, schafften wir nur die Hälfte.

Dank unserer Straßenkarte konnten wir die vielbefahrene Hauptstraße M 1 im buchstäblichen Sinn des Wortes links liegenlassen. Dies konnte man – im übertragenen Sinn – auch mit den Dörfern, die wir zwischen Mosonmagyaróvár, Györ und Tata zu Gesicht bekamen. Einförmige, einfallslose zweistöckige Klötze säumten die langgezogenen Ortsdurchfahrten. In euphorische Begeisterungsstürme versetzte uns angesichts einer auf den Gefrierpunkt gesunkenen Erwartungshaltung nun schon der Anblick eines alten Bauernhauses mit weit heruntergezogenem Dach und weißen Fensterläden. Versöhnlich mit den sozialistischen Dorfplanern stimmten uns nur die vielen Apfel-, Birn- und Zwetschgenbäume, deren Äste sich wegen des reifen Obstes tief neigten, uns Radifahrern gerade bis zur Augenhöhe.

Als völlig überflüssiges Gepäckstück erwies sich nach kurzer Zeit unser Campingkocher. Da man auf allen Campingplätzen – egal, zu welcher der drei Qualitätsklassen er gehörte – für ein paar Forint Gaskocher mieten konnte, war unser Frühstück nie in Frage gestellt. Das Abendessen selbst zu kochen, stand ohnehin nicht zur Diskussion, wir hätten uns damit einer unserer größten Freuden beraubt, der Jagd nach einem euerem, csárda oder vendeglö. In den Restaurants, Landgasthäusern oder einfachen Wirtshäusern machten wir den hohen Kalorienverbrauch des Tages jeden Abend um ein Vielfaches wieder wett.

Bei der Speisenwahl ließen wir uns notgedrungen (an ein gutes Wörterbuch hatte nämlich keiner gedacht) von den ungewöhnlichen Namen inspirieren: paradicsomsaláta, marhahusleves, bárány... Auf diese Weise kamen wir zwar nie in den Genuß eines echt ungarischen Gulaschs, so wie’s in jedem deutschen Kochbuch beschrieben ist, dafür wurden wir mit anderen Köstlichkeiten entschädigt: gebackenen Pilzköpfchen, Fischsuppe, Palatschinken und Topfenfleckerln. Voraussetzung für diese Spezialitäten jedoch war, daß man seine Bestellung tunlichst vor halb acht Uhr aufgab. Später war kein ungarischer Landkoch mehr dazu zu bewegen, den Kochlöffel in die Hand zu nehmen.

Erst versetzte er uns in helles Entzücken, dann in einen rauschartigen Zustand – der Barack. Nach dem ersten Schluck in einem Landgasthaus beschlossen wir einhellig, den köstlichen Aprikosenschnaps bei keinem Abendessen mehr fehlen zu lassen. Liebe auf den ersten Schluck erlebten wir auch beim Wein. Dem kräftigen Soproni Cabernet merkt man an, daß er in subalpinem Klima heranreift. Obwohl wir von beiden alkoholischen Spezialitäten reichlich nahmen und auch Kaffee und Nachtisch nicht fehlten, zahlten wir nie über 50 Mark. Alle zusammen, versteht sich.