Wie ein Vogel kommt sie, schmal und hoch und schwarz gekleidet, auf ihrem Fahrrad angeflogen und setzt sich an den Tisch. Am Tag zuvor war die Premiere von Peter Steins jüngster Inszenierung, „Die Neger“ von Jean Genet. Sie fragt mich gleich, wie wohl jede Schauspielerin, nach meinem Eindruck von der Aufführung. Wütend haut sie auf den Tisch. Sie sei keine Schwarze, so wenig wie die anderen Schauspieler. Nicht, daß sie sich zu ihrer dunkleren Hautfarbe nicht bekenne (sie zwickt sich in den Arm), überhaupt nicht; sie habe lediglich als Schauspielerin offene Kanäle, Zugänge zu alten, fremden Geschichten. Wenn es darum ginge, Japaner oder sonst etwas Fremdes darzustellen, dann wäre es genau dasselbe. Eines wolle sie gar nicht hören, lese es schon jetzt in den Kritiken: daß sie als Schwarze die „Neger“ besonders authentisch oder sonst was gespielt hätte. Ansonsten habe sie zur Zeit ganz verstopfte Kanäle, wenn ich verstünde, was sie meint, könne irgendwie nicht so gut reden, suche nach Worten, seit sie in Berlin ist, aber das sei ein psychologisches Problem.

Miriam Goldschmidt. Beim Berliner Theatertreffen vor etwa zehn Jahren gab es ein Gastspiel von Peter Brooks Pariser Theatergruppe. „Les Iks“ fand in einem alten Kino statt. Jeder in der Gruppe hatte eine bestimmte Aufgabe, Miriam Goldschmidt mußte in Berlin den Raum für das Gastspiel suchen. Weil sie einen ausgeprägten Sinn für Räume habe, sagt sie. Peter Stein half ihr bei der Suche. Ohne viele Worte hätten sie sich über die Orte verständigt. Peter Stein führte ihr die Halle vor, nahm sie an der Hand und „brachte den ganzen Raum zum Blühen“.

Miriam Goldschmidt ist Deutsche. Ich frage sie, wie sie zu Peter Brook gekommen ist. Sie erzählt nicht chronologisch, sondern in Bildern, Erinnerungen, und wie aus Schlaglichtern setzt sich ein Leben zusammen. Da ist das Kind, mit den noch immer schreckensweit aufgerissenen Augen. Im nächsten Moment ist sie steinalt, sämtliche Lebensalter scheinen in ihr schon verborgen, und ich kann einer ständigen Verwandlung zusehen. Und zwischendurch spricht sorgenvoll die Mutter zweier Kinder, die sie auch ist. Ein abenteuerlicher Weg bis zum wirklichen Märchen:

Miriam Goldschmidt ist Waise. Sie wuchs in christlichen Heimen auf. Die Pflegestellen wechselten oft. Sie sei „unerträglich, abscheulich“ gewesen. Wenn sie wieder zurückkam ins Heim nach einem fehlgeschlagenen Adoptionsversuch – „dann bist du der letzte Dreck, die allerunterste Klasse, wirklich das Allerletzte“. Eine jüdische Familie adoptierte sie. Da gab es dann „ihre Mutter“, und die starb. Ihr Geliebter, der sie annahm und aufzog, als sie fast noch ein Kind war, starb, als sie kaum zwanzig war. Immer wieder begegnet sie dem Tod. „Tod ist mein Thema“.

Gestern ist sie ihm wieder begegnet, erzählt sie, nachts, als sie mit dem Fahrrad nach Hause fuhr, da kam plötzlich ein Auto um die Ecke, nein, es kam seitlich. Der Blick wurde so ganz weit, unendlich weit, ein ihr vertrauter Augenblick. Da war er. Und „So ist das also“, dachte sie. Eine Schramme an der Hand und ein geschwollenes Schienbein sind davon geblieben.

Auf der Schauspielschule war sie bei Lecoq in Paris. Danach war sie an mehreren deutschen Theatern engagiert. „Ich mache gern Gedichte in Gebilden“, sagt sie, also ging sie mit zwanzig als „One-Woman-Show“ auf Tournee. Ein Musiker, und sie stand auf einer Leiter, mit einer roten Clownsnase, auf der Suche nach Hamlet.

Dann ist sie mit dem Regisseur Hans Hollmann nach Basel gegangen. „Er wollte da etwas anderes versuchen, aber das ging dann nicht.“ In Basel also hat sie das Buch von Peter Brook „Der leere Raum“ gelesen. „Das ist es“, dachte sie und fuhr nach Paris. Auch der Ring ihrer verstorbenen Mutter ist wichtig, der versetzt werden mußte, damit sie die Reise bezahlen konnte.