Ulm

Soldaten mit ihren Panzern und Raketen brauchen Auslauf, und deshalb ist in den Wäldern um Ulm und Neu-Ulm herum immer etwas los. Denn die in Neu-Ulm stationierten amerikanischen Einheiten, ausgerüstet mit Raketen vom Typ Pershing I, müssen ständig mit ihren Werkzeugen üben.

Da kurven sie mit Raketenzügen zwischen Fichten und Tannen herum und walzen Lichtungen für ihre Bedürfnisse zurecht. Da trifft der Besitzer eines großen Waldgebietes völlig unerwartet auf einen Trupp Amerikaner in Zivilkleidung, die gerade einen Teil seines Waldes vermessen und zur Markierung Kartuschen in den Boden rammen. Da stoßen Mitglieder eines Schäferhundevereins, die zum nächstliegenden Wirtshaus marschieren wollen, auf einen Schlagbaum und zwei bewaffnete amerikanische Soldaten, die ihnen eindringlich raten, dieses Waldgebiet weiträumig zu umwandern. Da finden Förster an zahlreichen Bäumen Farbmarkierungen, deren Herkunft und Zweck unbekannt sind. Da trifft der Ulmer SPD-Landtagsabgeordnete Eberhard Lorenz auf viele von Gewehrkugeln beschädigte Bäume, über deren Rinde der Harz heruntertropft.

Nach dieser Entdeckung meinte eben dieser Landtagsabgeordnete, es sei zu viel los in den Wäldern um Ulm, und er richtete deshalb eine kleine Anfrage an die baden-württembergische Landesregierung, um zu erfahren, ob überhaupt jemand den Überblick hat über das, was im Wald so alles sich ereignet. Die Antwort des zuständigen Finanzministeriums räumte jeden Zweifel beiseite: Die deutschen Behörden wissen ganz genau, daß amerikanische Truppen irgendwo, irgendwann, irgendetwas machen.

Es gibt zahlreiche Bestimmungen im Nato-Truppenstatut und seinen Zusatzabkommen. Danach müssen alle ausländischen Truppen den zuständigen Behörden, in diesem Fall dem Regierungspräsidium in Tübingen, umfassende Mitteilung über Art, Beginn, Ende, Ort und Umfang der Übung machen. Ein Beamter des zuständigen Finanzministeriums meint – überraschend unbürokratisch –: „Die müssen sich ja bei einer Übung auch entfalten können, dies ist ja der Sinn der Sache.“ Enthalten deshalb die Manöveranmeldungen der im Wald übenden amerikanischen Soldaten. nur karge Angaben? Ein Beispiel: Innerhalb der kommenden drei Monate wird an zwölf Tagen, die nicht benannt werden, in einem Gebiet geübt, das den Raum zweier Landkreise umfaßt. Viel mehr erfahren die deutschen Behörden nicht, und sie meinen, dies reiche und entspreche auch den Bestimmungen, zu deren Einhaltung die Amerikaner übrigens auch nicht gezwungen werden könnten. So wissen die deutschen Behörden zwar, daß amerikanische Soldaten irgendwann, irgendwo, irgendetwas üben. Was sie nicht wissen: wer zu welchem Zweck Privatwälder vermißt. Bekannt ist nur, daß es deutsche Behörden nicht waren. Sie wissen auch nicht, wer die zahlreichen Farbmarkierungen an den Bäumen anbrachte und welchem Zweck sie dienen. Sie wissen nicht, wer auf die Bäume schoß. Eberhard Lorenz wurde angesichts dieses Unwissens polemisch: Ob die Amerikaner nun alles machen dürften und ob die Bundesrepublik bereits „ein amerikanischer Bundesstaat“ sei, fragte er. „Der Informationsbedarf der Öffentlichkeit ist längst nicht befriedigt.“

Ein Beamter hat Verständnis für den Bedarf der amerikanischen Gäste: Diese seien eben von ihrer Heimat her „an die Weite“ gewöhnt.

Wolfgang Storz