Die Welt würde uns nie verstehen, wenn wir es nicht getan hätten

Von Richard Glazar

Vielleicht lebten sie noch – wirklich lebendig waren sie nicht mehr. Sie kamen in den ersten heißen Junitagen 1943 nach Treblinka, die allerletzten Reste des liquidierten Warschauer Gettos.

Viele von den in den Güterwagen aufgehäuften Körpern waren nicht mehr zu vergasen, sie mußten nur noch verbrannt werden. Die Halbtoten und Halbwahnsinnigen, die Erschossenen und Erstochenen brachten uns Leichenschleppern und Verbrennern, uns Sortierern und Aufräumern in Treblinka das mahnende Vermächtnis: „Jetzt ist die Reihe an euch.“ So ging es flüsternd von Mund zu Mund, als wir die reglosen Körper ins „Lazarett“ schleppten. Dorthin, wohin bei normalen Transporten die Alten, die Gebrechlichen, die schwangeren Frauen gebracht, wurden, alle, die den Weg zum „Desinfektionsbad“ nicht schnell genug zurücklegen konnten. Hinter dem „Untersuchungshäuschen“ wurden sie – vor dem weithin sichtbaren roten Kreuz – durch einen Genickschuß „von ihren Beschwerden befreit“. Die Verbrennungsgrube des „Lazaretts“ füllte sich und lief in jenen Tagen von aufgeblähten Leichen über.

Ich selbst stand schon nackt am Ende der Reihe, die sich in Richtung Bad in Bewegung setzte. Plötzlich wandte sich der „Todesengel“ August Willi Miete zu mir, das Schiffchen mit Totenkopf über den strohgelben Haaren: „Ja, du auch, komm raus, zieh dich wieder an.“ So hatte er sich, 20 Jahre im voraus, einen Zeugen seiner gekonnten Genickschüsse geschaffen.

Diese Menschenfalle, Treblinka, lag in einer Sand-Enklave, unweit der ehemaligen russischpolnischen Grenze und dem Fluß Bug, auf einem Geviert von nur etwa 400 mal 600 Metern. Sie war umschlossen von einem saftgrünen lebenden Zaun, der auch die inneren Betriebsflächen voneinander trennte. Mit fingierten Inschriften wie „Fahrkartenausgabe“, „Bahnmeisterei“, „Zu den Zügen nach Bialystok“, „Zum Bad“ wirkte Treblinka wie ein Umschlagplatz mit angeschlossenem großem Landwirtschaftsbetrieb. Den Namen Treblinka entlieh man von der nächstliegenden Ortschaft mit ein paar armseligen Bauernhütten,

Das Vernichtungslager Treblinka wurde im Juni 1942 in Betrieb gesetzt, nachdem die ersten Gaskammern fertiggestellt worden waren. Sie hatten eine Kapazität von 300 bis 500 Menschen in der Stunde. Die wahre Bestimmung des Lagers wurde anfangs durch die Existenz eines kleinen Arbeitszwangslagers gleichen Namens in der Nähe getarnt.