Von Jes Rau

Die Sprechchöre wollten kein Ende nehmen: „We want Fritz!“ – Wir wollen Fritz! Der Enthusiasmus der versammelten 900 Delegierten galt Walter Mondale, dessen Auftreten zum Höhepunkt des Gewerkschaftskongresses in Hollywood wurde, einem leicht heruntergekommenen Badeort an der Ostküste Floridas. „Fritz“ – das ist Mondales Spitzname – kam, um sich selbst und den Gewerkschaftern Mut zu machen. Und vor allem, um seinen Dank dafür abzustatten, daß die Funktionäre ihn zu „ihrem“ Präsidentschaftskandidaten der Demokratischen Partei erkoren haben.

Zum ersten Mal in der Geschichte der AFLCIO stellt sich der Dachverband der amerikanischen Gewerkschaften hinter einen Kandidaten, noch bevor die beiden Parteien ihre Amtsanwärter nominiert haben. Ob es richtig war, mit der bisherigen Neutralität beim Nominierungsprozeß zu brechen und sich durch das Eingreifen in die innerparteilichen Auseinandersetzungen Feinde zu machen, darüber ist man sich in einigen Mitgliedsgewerkschaften gar nicht so einig. Mißmut herrscht auch an der Basis. Denn ein Referendum aller Gewerkschaftsangehörigen hat nicht stattgefunden. Statt dessen hat die Zentrale „die umfassendste Meinungsumfrage, die es jemals gegeben hat“ abgehalten.

Die Idee zu alldem stammt von AFL-CIO-Chef Lane Kirkland, dem Nachfolger des alten, bärbeißigen George Meany, der so recht die Macht der US-Gewerkschaften zu verkörpern schien. Aber noch zu Lebzeiten Meanys ist es mit dem politischen Einfluß von Big Labor bergab gegangen. In den drei Jahren von Ronald Reagans Präsidentschaft ist die politische Ohnmacht der Gewerkschaften dann so richtig deutlich geworden.

Durch die offene Parteinahme für einen Wunschkandidaten bei den Vorwahlen hofft Kirkland den Machtverlust wieder rückgängig machen zu können. „Wenn wir neutral bleiben, wird man uns als irrelevant und zahnlos abtun“, sagte Kirkland auf dem Kongreß. „Wenn wir Erfolg durch unsere Parteinahme haben, wird man uns verurteilen, weil wir es gewagt haben, nach einem Stück der Macht in unserer Gesellschaft zu greifen. Vor die Wahl einer dieser beiden Vorwürfe gestellt, ziehe ich persönlich den letzteren bei weitem vor.“

Um den Schaden zu reparieren, den Ronald Reagan den Gewerkschaften zugefügt hat, könnte Kirkland einen Freund im Weißen Haus gut gebrauchen. Die zurückliegende lange, lange Rezession hat jene Industrien besonders schwer heimgesucht, die die Gewerkschaften als unantastbare Domänen ansehen.