Das ungarische Modell läßt sich schwerlich auf die polnischen Verhältnisse übertragen

Von Karl Stipsicz

Seit Stunden schon warten an die fünfzig Lastwagen auf die Zollabfertigung. Doch die zwei Zöllner in Cieszyn an der polnisch-tschechischen Grenze nehmen sich Zeit. Umständlich mustern sie die fremdsprachigen Frachtpapiere. Wer es wirklich eilig hat, findet allerdings einen Weg, die Grenze schneller zu passieren. Tschechische und ungarische Lkw-Fahrer zum Beispiel ersparen sich dank kleiner Geschenke – besonders begehrt sind westliche Zigaretten – das Ausfüllen von Transitpapieren, die ohnedies nur auf polnisch, deutsch und englisch aufliegen. Kein Wunder, daß sich die ungarische Umgangssprache eines besonderen Ausdrucks für „langsam arbeiten“ bedient: „polonisieren“.

Vom ungarischen Modell zur Überwindung der Krise spricht denn auch im Polen des Jahres 1983 jeder, der etwas von Volkswirtschaft versteht, zumal das ungarische Reformkonzept die Handschrift des polnischen Ökonomen Oskar Lange – des Erfinders des „Konkurrenzsozialismus“ – verrät. Freilich wäre es für die Polen kein leichtes, den ungarischen Weg zu gehen; zu sehr unterscheiden sich die Verhältnisse in beiden Ländern.

Der magyarische Binnenmarkt umfaßt nur 10,7 Millionen Menschen, während Polen 36 Millionen Einwohner zählt. Und im Gegensatz zu Polen hat sich das rohstoffarme Ungarn seit dem Ende der Stalin-Ära auf einige wenige Produkte spezialisiert, von denen einzelne auf dem Weltmarkt durchaus konkurrenzfähig sind – so etwa Pharmazeutika oder Autobusse. Polen aber hat eine sehr stark diversifizierte Wirtschaft.

Auch in der Landwirtschaft sind die Unterschiede nicht zu übersehen. Das Landschaftsbild wird in Ungarn, nicht anders als vor dem Krieg, von ausgedehnten Feldern geprägt; hingegen gleicht Polen einem buntgescheckten Fleckerlteppich. In Ungarn gehören nur 16,6 Prozent der Anbaufläche privaten Bauern – in Polen sind es fast fünfmal soviel: 80,7 Prozent. In der DDR und der Tschechoslowakei sind weniger als zehn Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen in privaten Händen.