Von Lutz Ziob

Wie die fünf Professoren, allesamt Dekane an der Universität von Exeter, trägt auch Dick Linie, Vorsitzender der studentischen Interessenvertretung, den traditionellen gown, jenen schwarzen Talar, der mir bisher nur von der Leinwand her bekannt war. Die an der langgezogenen Tischreihe sitzenden, ernst dreinblickenden Männer und die rund fünfhundert adrett gekleideten Erstsemester verleihen dieser Eröffnungsfeier für das neue Studienjahr eine Atmosphäre vornehmer Langeweile. Ich konzentriere mich auf das faustgroße Loch in den Jeans von Dick Little, das hin und wieder in Kniehöhe unter dem akademischen Kittel hervorblitzt. Dieses Bild erhält im nachhinein symbolische Bedeutung für meinen Eindruck von einer englischen Universität: Den Traditionen der akademischen (Kleider-)Regeln fühlt man sich halt verpflichtet. Wen interessiert schon, wie es darunter aussieht?

Dem ersten offiziellen Kontakt mit dem britischen Universitätsleben sind mühevolle Monate vorausgegangen. Von den zahlreichen Kritikern, die die Auslandsmüdigkeit der bundesdeutschen Studenten rügen, hat vermutlich noch keiner versucht, durch den Dschungel von falschen, halbrichtigen, widersprüchlichen und manchmal auch hilfreichen Informationen den Pfad zum Auslandsstudium zu finden. Konsulate, Ämter und Behörden sind nicht zuständig, inkompetent, uninformiert – oder alles zusammen.

Die Universitätsverwaltung in Exeter weiß zunächst nichts Rechtes mit mir anzufangen. „Muß man als deutscher Lehramtskandidat für Geschichte und Sozialwissenschaften ein Jahr im Ausland studieren?“ werde ich gefragt. „Und warum ausgerechnet Exeter?“ Nein, einen deutschen Studenten hatten sie noch nie an der Abteilung Economic History. Aber da die Kasse stimmt (die hohen Studiengebühren bezahlt das BAföG-Amt), heißt man mich herzlich willkommen und überläßt mir die weitere Studienplanung für die Trimester.

Ich picke mir interessant erscheinende Kurse an verschiedenen Abteilungen wie Rosinen aus dem Kuchen, verhandele mit den zuständigen Dozenten, die mich als eine Art personifizierte kontinentale public opinion und damit als Bereicherung für ihre Veranstaltungen ansehen, und verfluche zum ersten Mal den Teufel, der mir riet, meinen Grundkurs Englisch nach der 12. Klasse abzuwählen.

Der Kanal, so wird mir bald klar, trennt nicht nur geographisch das Inselreich vom Festland, er ist zugleich der trennende Ozean zwischen ungleichen akademischen Kontinenten. Schon die Wahl der Hochschule kann zu einer schicksalhaften Entscheidung werden in einem Land, in dem alle Universitäten einer imaginären, aber exakt abgestuften Prestigehierarchie unterworfen sind. Drittklassige Abschlüsse der Eliteuniversitäten konkurrieren am Arbeitsmarkt mit First-class-Diplomen der Hochschulen aus dem unteren Skalendrittel. Und Exeter, so erklärt mir ein Dozent, gehört eindeutig in die Spitzengruppe. Daß Exeters Studenten fast ausschließlich aus dem reichen, ökonomisch gesünderen Süden Englands stammen, führt zu einem nicht unproblematischen Sozialgefüge der Studentenschaft: Arbeiterkinder findet man an dieser Universität, die den Ruf genießt, die politisch konservativste Hochschule des Landes zu sein, höchstens in den soziologischen Lehrbüchern.

Die erste Party, zu der ich eingeladen bin, wird in dieser Hinsicht zur Offenbarung. Das mit Stuckornamenten verzierte und mit Stilmöbeln ausstaffierte Eßzimmer einer Villa aus den zwanziger Jahren, nun genutzt als Studentenwohnheim, bildet den stilgerechten Rahmen für die Feier der rund siebzig Studenten. Da es sich um Erstsemester handelt, sind die Anwesenden im Alter zwischen siebzehn und achtzehn. Die maßgeschneiderten, dunklen Anzüge und Smokings, auch die eleganten Abendkleider, lassen die Tanzenden älter und seriöser erscheinen. Nur das Gebaren der völlig betrunkenen Meute will nicht recht zu dem weltmännischen Erscheinungsbild passen.