Die Wirklichkeit erweist sich oft phantastischer als science fiction. So sickerte letzte Woche aus astronomischen Zirkeln folgende schier unglaubliche Geschichte durch: Unsere Sonne scheint unter den Schwerewellen zu zittern, die ein Paar dunkler, kollabierter Sterne (wahrscheinlich sogenannte Schwarze Löcher) aus einer Entfernung von nur wenigen Lichtjahren aussendet – also quasi in kosmischer Nachbarschaft.

Schwerewellen sind lichtschnelle Oszillationen des Gravitationsfeldes. Sie entstehen unter anderem, wenn sich zwei massige Sterne umkreisen, und sie sind die einzige denkbare Verbindung zwischen dem Doppelsternsystem und unserem Tagesgestirn. Seitdem Albert Einstein die Existenz solcher Erschütterungen des Raums voraussagte, suchen Wissenschaftler nach ihnen – ohne bislang eindeutigen Erfolg. Nun scheint es so, als seien die Forscher auf einer ganz heißen Spur.

Die beiden als Schwerewellen-Quelle verdächtigten Sterne bilden ein „Geminga“ genanntes Gespann. Das Duo im All war von den Sensoren astronomischer Satelliten entdeckt worden: vom Gammastrahlen-Späher „Cos-B“ und – wie passend – von den Röntgenaugen des erdumkreisenden „Einstein-Observatoriums“.

Die Art des empfangenen Röntgenspektrums verriet den Astronomen, daß „Geminga“ nicht weit entfernt sein konnte. In dem entsprechenden Weltraum-Sektor war jedoch mit optischen Teleskopen zunächst kein Stern auszumachen. Erst kürzlich fanden Beobachter am kanadisch-französischen Gemeinschaftsobservatorium auf Hawaii dann doch einen sehr schwachen Lichtpunkt: „Geminga“, so scheint es, ist ein zwar naher, aber nahezu erloschener Doppelstern.

Dann freilich keimte der Verdacht, das blasse Himmelsobjekt könnte eine Verbindung mit der Sonne haben. Der britische Astrophysiker George Isaak von der Universität von Birmingham schlug in diesem Sommer auf zwei wissenschaftlichen Treffen vor, die Sonne als empfindlichen Detektor für Schwerewellen zu benutzen. Denn unser Tagesgestirn besitzt die nötigen Ausmaße für ein Gravitationsteleskop: Es ist so groß, daß es die Erschütterungen des Raumes gut absorbieren kann. Einige Astronomen, darunter auch Isaak, haben Meßgeräte entwickelt, die auch noch winzige Schwankungen des Sonnenkörpers registrieren.

Die Wellen würden vom massiven, dichten Kern der Sonne empfangen, wie die Astronomen vermuten, und dann an die viel weniger dichte, gasförmige Oberfläche weitergeleitet. Sie müßte viel stärker als der Kern vibrieren, weil sie laut Isaak die Welle „wie eine Peitsche“ verstärkt. Der Franzose Philippe Delache vom Observatorium in Nizza hörte auf den Treffen Isaaks „vorlaute Empfehlung“, wonach eine wohlbekannte, aber unerklärliche Oszillation der Sonne mit einer Periode von 160 Minuten durch die Absorption von Schwerewellen der gleichen Frequenz ausgelöst werden könnte. Delache, von der Idee begeistert, dachte über einen möglichen Schwerewellensender nach und kam auf „Geminga“. Da ihm keine Schwankungen der von dort empfangenen Gamma- und Röntgensignale im 160-Minuten-Takt bekannt waren, rief Delache die Spezialisten Jacques Paul in Paris und G. Bignami in Mailand an. Die beiden überprüften per Computer die im Laufe von sieben Jahren aufgezeichneten „Cos-B“-Daten – und wurden fündig: Ja, es gibt eine sehr exakte Übereinstimmung.

Eine zufällige Deckungsgleichheit der Zahlen, meint Delache, ist sehr unwahrscheinlich. Daraus folgert er, daß „Geminga“ ein dunkles Doppelstern-System ist, das sich einmal in 160 Minuten dreht. Dabei strahlt es Schwerewellen ab, die den 160-Minuten-Zyklus der Sonne antreiben.