Von Petra Deimer

Im südafrikanischen Botswana ist die Welt noch in Ordnung, sollte meinen, wer über die einzige asphaltierte Straße in der Hauptstadt Gaborone schlendert oder sich mit der Propellermaschine in einen der Nationalparks fliegen läßt. Schon auf dem kurzen Weg beispielsweise von der steppengrasbewachsenen Landepiste zum Savuti-Camp, einem kleinen Zeltlager für Photojäger im Chobe-Nationalpark, trifft man auf eine wimmelnde Fülle von wilden Tieren. In dem hohen Gras weiden Büffel, Zebras und Antilopen; zwischen dem Geäst knorriger Bäume recken Giraffen ihre Hälse nach immergrünen Blättern, und in den Wasserlöchern planschen Nilpferde, daß es schäumt wie in einer Badewanne.

Kurz vor dem Camp bringt ein Elefant trompetend den Safari-Landrover zum Stehen, als sei er der Portier vom Dienst. Nachts patrouilliert der Dickhäuter an den Zelten entlang, wie die Fußabdrücke deutlich zeigen, während ein Rudel Hyänen in der Küche aufräumt. Kein Wunder, daß wir die Zelte nachts nicht verlassen dürfen.

Traumhaft schöne Regionen hat Botswana. Aber wie lange noch? Obwohl sich das Land rühmt, rund 80 000 seiner 575 000 Quadratkilometer für die Natur zu reservieren, ist längst der sogenannte Fortschritt dabei, den unschätzbaren Reichtum zu ruinieren. Viel zu leichtfertig werden Lizenzen an schießwütige Trophäenjäger vergeben. Wilderer jagen nach seltenen Produkten wie Elfenbein und Krokodilleder, um sie auf dem schwarzen Markt zu verhökern. Weit und breit lodern die Buschfeuer der Brandrodung, mit der die natürliche Umwelt in Weideland umfunktioniert wird; immer tiefer drängt der Mensch das Vieh in die noch intakten Landschaftsstriche, weil die herkömmlichen Weiden längst radikal abgefressen und unter den Hufen zu Ödland zertrampelt sind. Noch macht die zerstörerische Invasion halt vor dem Okawango-Delta, einer einmaligen Beckenlandschaft aus zehntausend Inseln, Sümpfen und Wasserlöchern. Verwerfungen einer Erdbebenzone hindern hier den Okawango am Weiterfließen. Der Erdboden nimmt das Wasser auf. Hier hat die Natur vorläufig noch eine Chance, denn hier herrscht die "Geißel des Schwarzen Kontinents", wie die einen sagen: die Tsetsefliege. Andere nennen die Überträgerin der Schlafkrankheit freilich die "Beschützerin der Tierwelt"; sie verhinderte bislang eine Erschließung des Deltas.

Zwar hat man versucht, die Tsetsefliege mit Gift-Kampagnen auszurotten, jedoch ohne sichtbaren Erfolg. Schlagen weitere Ausrottungsfeldzüge fehl, dann kann das ein Segen für die angestammte Tierwelt sein. Denn die Tsetsefliege ist zwar gefährlich für Viehherden, die sie mit der gefürchteten Nagana-Krankheit verseucht, aber das Wild ist im Kampf ums Überleben gegen diese Seuche längst immun geworden.

Zumindest unter Sachverständigen hat es sich längst herumgesprochen, daß es für Botswana besser wäre, wenn es in einem vernünftigen Wildlife Management Program die natürliche Tierwelt nutzen würde, die in einem harmonischen Gleichgewicht frißt und stirbt, statt im Übermaß ein für diese Umwelt fremdes Vieh zu züchten. Aber da sind nicht nur die eingeborenen Hirten, die den Viehbestand innerhalb weniger Jahre von rund einer Million auf 3,5 Millionen Stück hochgetrieben haben, da ist auch noch die Europäische Gemeinschaft. Jedes Jahr kommen rund 19 000 Tonnen Botswana Beef in europäischen Landen tiefkühlfrisch auf den Tisch: "Entwicklungshilfe". Offensichtlich hat bislang niemand daran gedacht, daß die EG kräftig mithilft, das Traumland Botswana langsam, aber sicher ausbluten zu lassen, während die Rindfleischberge bei uns weiter anwachsen.

Es ist noch schlimmer: Mehr als tausend Kilometer Stacheldraht zerteilen das Land, und weitere Absperrungen sind geplant. Diese sogenannten Veterinär-Zäune werden seit 1954 zum Schutz des Viehs gegen die Maul-und-Klauenseuche (MKS) errichtet, die im südlichen Afrika von drei Typen des MKS-Virus übertragen wird. Eine Folge dieser Schutzmaßnahme ist, daß Abertausende wandernde Wildtiere jedes Jahr elendig verrecken, weil sie – etwa aus der dürren Kalahan kommend, wo einstige Seen längst zu Salzpfannen erstarrt sind – ihre angestammten Wasserplätze nicht mehr erreichen können. Der Fortschritt hat ihnen buchstäblich das Wasser abgegraben.