Von Karl-Heinz Janßen

Chinesen sind höfliche Leute. Als jüngst der amerikanische Verteidigungsminister Caspar Weinberger in der Nähe des Pekinger Heeresmuseums eine Parade abnahm, hatten sie ein dort ausgestelltes amerikanisches Beuteflugzeug aus den Zeiten des Vietnamkrieges außer Sichtweite geschafft. Derlei Gesten bedeuten freilich noch keinen radikalen Wandel in der chinesischen Außenpolitik. Und schon gar nicht helfen sie das verwirrende Puzzle zu klären, als das sich die chinesische Außenpolitik derzeit darbietet.

Da wird der Besuch des Pentagon-Chefs, bekannt für seine harte Sprache gegenüber den Sowjets, genau zwischen die Reisen von zwei hochrangigen Gästen aus der Sowjetunion gelegt; da wird, kurz bevor Leonid Iljitschew in Peking die dritte Runde der sowjetisch-chinesischen Konsultationen eröffnet, Präsident Reagan zu einem Staatsbesuch eingeladen; da verfährt die chinesische Regierung in der Auseinandersetzung mit Großbritannien um die Zukunft der Kronkolonie Hongkong (chinesisch „Xianggang“) abwechselnd nach der Devise Zuckerbrot und Peitsche; da werden neue Fühler in die Dritte Welt ausgestreckt, aber auch die Beziehungen zu einem so moskautreuen Staat wie der DDR verbessert; ja sogar zu Albanien wird ein Faden gesponnen, das doch den neuen Herren in Peking die Abkehr von Maos kulturrevolutionärer Politik so sehr verübelt hat.

Die China-Experten des Westen sind sich, bei allen wissenschaftlichen Divergenzen, doch in einem einig: Seit etwa einem Jahr ist die chinesische Außenpolitik anders geworden – sie hat sich still und leise aus den Fußstapfen Maos davongestohlen und es der Innenpolitik gleichgetan. Anders geworden allerdings nur in dem Sinne, daß die Prinzipien der Pekinger Außenpolitik, wie sie durch die strategischen, wirtschaftlichen und ideologischen Interessen dieses asiatischen Kolosses vorgeschrieben sind, im Vergleich zur ersten Nach-Mao-Phase modifiziert wurden.

Den neuen Grundsatz hat Generalsekretär Hu Yaobang vor einem Jahr auf dem 12. Parteikongreß der chinesischen Kommunisten verkündet. Beim Besuch Weinbergers hat Verteidigungsminister Zhang Aiping ihn wörtlich wiederholt: „Wir werden uns keiner Macht und keinem Mächteblock anschließen, und wir werden uns niemals irgendeinem ausländischen Druck unterwerfen.“

Was die Einschätzung der Ziele und Motive chinesischer Außenpolitik so schwierig macht, ist die unberechenbare Mischung aus „Kontinuität und Wandel“, wie es Professor Harry Harding aus Stanford nennt. Die Kontrahenten in Washington müssen neidisch anerkennen, daß Deng Xiaoping, der alte Fuchs, auf dessen Rat die anderen Alten im Regierungsviertel Dongnonghai noch immer hören, jetzt ebenso meisterhaft jenes Spiel beherrscht, das der amerikanische Außenminister Henry Kissinger, geschult an Metternich und Bismarck, Anfang der siebziger Jahre in die internationalen Beziehungen eingeführt hatte. Deng hat ein Dreiecksverhältnis zwischen den Weltmachtzentren Washington, Moskau und Peking hergestellt, bei dem jeder auf gleiche Distanz gehalten wird und ein Partner – nach Kissingers Vorstellung natürlich immer Amerika – jeweils die eine oder andere Karte ziehen kann.

Wie China dieses Spiel betreiben will, hat die Zeitschrift Liaonwang vor geraumer Zeit enthüllt: „Die Volksrepublik China wird sich ganz und gar einer Hegemonie widersetzen, gleich wer sie und wo immer auch anstrebt... In Afghanistan und Kambodscha werden China und die Vereinigten Staaten gemeinsam der Sowjetunion und Vietnam widerstehen... Wiederum werden China und die Sowjetunion gemeinsam Amerika widerstehen, wenn es die israelische Aggression und die südafrikanische Apartheid-Politik unterstützt. Dies bedeutet nicht, daß China unter bestimmten Umstanden ein ‚Verbündeter‘ der Vereinigten Staaten oder unter anderen Umständen ein Partner der Sowjetunion wird.“