Spannung gehört zum Skandal wie das Salz zur Suppe. Wird im stärksten Staatskrimi der deutschen Nachkriegsgeschichte Anklage erhoben? Ist ein Gerichtsverfahren in Sicht? Kommt ein Bundesminister, Otto Graf Lambsdorff, um Amt und Ansehen, das christlich-liberale Bonner Regiment ins Schleudern? Muß demnächst einer der reichsten Männer der Republik, Firmenchef Friedrich Karl Flick, 450 Millionen Mark an Steuern nachzahlen? Oder hilft vielleicht noch Wunschdenken, wie es die Welt vorletzten Mittwoch zur Schlagzeile erkor: „Die Staatsanwaltschaft hat keine Anhaltspunkte?“

Der Schlußakt eines grandiosen Schmierenstücks steht bevor. Es geht um Macht und Millionen, Politik und Geschäft, Moral und Pharisäertum. Die Besetzung ist hochkarätig: zwei Minister, eine bunte Riege von Ex-Ministern, ein Konzernchef und seine Manager – Stützen der Gesellschaft. Geklärt soll werden, ob der Flick-Konzern amtierende Minister der Bundesregierung und zweier Landesregierungen bestochen hat, um jene 1,9 Milliarden Mark, die Flick 1975 beim Verkauf seiner Daimler-Benz-Aktien erlöste, am Finanzamt vorbeizuschleusen.

Ermittlungsverfahren 50 Js 36/82. Seit Februar vergangenen Jahres versuchen vier Bonner Staatsanwälte, das Dunkel um die „Flick-Affäre“ aufzuhellen. Die Akten, gut 10 000 Blatt, füllen 20 Ordner. Dieser Tage leitet die Bonner Staatsanwaltschaft ihre „Abschlußverfügung“ an die Generalstaatsanwaltschaft in Köln weiter. Diese wird voraussichtlich Mitte November entscheiden, ob in der Flick-Affäre tatsächlich Anklage erhoben wird oder nicht. Die Kammer des zuständigen Landgerichts Bonn wird schließlich darüber befinden, ob ein Hauptverfahren eröffnet wird.

Der Verdacht: „Vorteilsannahme“, Verstoß gegen die Paragraphen 331 ff. StGB, verständlicher: Bestechung, Korruption – Straftaten, auf die bis zu fünf Jahren Haft stehen (siehe Kasten auf Seite 18). Sollte es zur Anklageerhebung kommen, dann dürfte sich die Liste der Beschuldigten kaum von der Reihe jener angeblichen Geldgeber und Geldnehmer unterscheiden, gegen die nun fast zwei Jahre lang ermittelt wurde.

Sieben Minister sollen vom Flick-Konzern mit Geldsummen von 35 000 bis 365 000 Mark bedacht worden sein; alle bestreiten dies:

  • Otto Graf Lambsdorff (FDP), Bundeswirtschaftsminister seit Oktober 1977,
  • Hans Friderichs (FDP), Ex-Bundeswirtschaftsminister, heute Vorstandssprecher der Dresdner Bank,
  • Hans Matthöfer (SPD), Ex-Bundesfinanzminister,
  • Manfred Lahnstein (SPD), Staatssekretär unter Matthöfer, später Minister,
  • Rudolf Eberle (CDU), Wirtschafts minister in Baden-Württemberg,
  • Horst-Ludwig Riemer (FDP), Ex-Wirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen,
  • Lieselotte Funcke (FDP), Ex-Wirtschaftsministerin von Nordrhein-Westfalen.

Wegen gesetzwidriger „Vorteilsgewährung“ haben die Bonner Staatsanwälte gegen den Chef eines der mächtigsten deutschen Industriekonzerne (siehe Kasten auf Seite 20) und zwei seiner engsten Mitarbeiter ermittelt: