Drittes Programm NDR, 29. Oktober, 21.35 Uhr; HR, 2. November, 21.55 Uhr; WDR, 3. November, 22.15 Uhr: „Treffpunkt im Unendlichen – Die Lebensreise des Klaus Mann“ von Heinrich Breloer

Adorno nannte sowas eine „Blague“: aufgeblasener Unsinn, mit Gags aufgeputzte Ideenlosigkeit. Eine Filmdokumentation über Klaus Mann – da hätte man sich zu entscheiden gehabt: will man das Scheitern des begabten Sohnes eines großen Vaters abschildern; will man die sinistre Lebensbahn eines homosexuellen Schriftstellers nachzeichnen; will man am Schicksal eines ewigen Außenseiters die zeigen, die in Macht und Glanz „innen“ lebten und andere – die Emigranten – in die Finsternis stießen.

Der Filmemacher Heinrich Bieber entschied sich für Häppchen – Leben und Werk eines deutschen Schriftstellers als optische Cocktailparty; entschieden also hat sich Breloer für und gegen gar nichts. Von den 120 Minuten gelten mindestens 60 Thomas Mann; streckenweise wähnt man sich im falschen Film. Nicht, als ob dieser Sohn ohne seinen Vater – „dem geschätzten Kollegen – sein hoffnungsvoller Vater“ lautet dessen „Zauberberg“-Widmung für Klaus Mann – zu verstehen wäre – aber ein hilfloses ehemaliges Hausmädchen mußte dazu nicht interviewt werden. „Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll.“ Eben.

Der Film hat keinerlei innere Struktur. Er hangelt sich von einer albern-peinlichen Bildeinstellung – Stichwort Homosexualität: zwei Männer umarmen sich; Stichwort Körper: Doppelbett im Vorstadthotel; Stichwort Abreise: Bahnhöfe, Taxis, Hotelpagen – zur nächsten törichten Sequenz; Axel Eggebrecht muß in einem Café eine eigene alte Zeitungskritik ablesen oder Golo Mann (der weiß Gott eigenes zu sagen hat) aus einem Buch des Bruders vortragen. Auch Frau Hoppe darf mal in einem alten Fotoalbum blättern, aber zur empörenden Platitüde des Stars, der die Nazizeit in Glanz und Gloria lebte: „Der Alltag im Dritten Reich war Isolation, Arbeit und Kunst machen“ leistet sich der Autor eines Films über den Verfasser des „Mephisto“ kein Wort. Dafür dann uraltes Klammermaterial mit Gründgens – der Anekdoten über Thomas Mann erzählt.

Gewiß war es nicht gänzlich zu vermeiden, daß auch mal ein ernstes Thema auftauchte; „Wir tanzten im Regina, während in Berlin der Reichstag brannte“ oder „Für wen schreibt ein Autor im Exil?“. Aber husch – weg war die Kamera (zeigt allenfalls Klaus Mann im Bademantel) und tusch – noch weiter weg auch nur die Spur einer Reflexion. Ein paar „Zeugenaussagen“, die unter die Haut gingen. („Klaus Mann hat die bürgerliche Welt seines Vaters vernichten wollen“), einige, schreckliche Sätze von Klaus’ Schwester Monika („Das macht die Kröger“, hatte Thomas Mann strafend-herablassend auf die verachtete Bruder-Heinrich-Frau Nelly Kröger anspielend beim ersten Selbstmordversuch des Sohnes bemerkt): Aber nie, keine einzige Minute auch nur der Versuch einer Analyse. Die Bilder des Films schunkeln von einem obligaten Klischee zum anderen, vom Jazz-Tanz eines „Cabaret“-Berlin über Dachau zum Checkpoint Charlie – aber sie haben keine innere Kausalität, sie hängen beziehungslos nebeneinander; wie einige traurig-ernste Sätze Golo Manns, wie der W. H. Auden zugeschriebene Ausspruch „Für einen Romancier sind seine Kinder immer Peinlichkeiten“ oder die absurden Aufzeichnungen der FBI-Jagd auf Klaus Mann. Von dem sah man mancherlei Bildchen – ein Bild des deutschen Schriftstellers Klaus Heinrich Thomas Mann (wie er vollständig hieß), seines flitzenden, gejagten, würdigen und oft entwürdigten Lebens ergab dieses „Filmporträt“ nicht; Geschichten statt Geschichte.

Fritz J. Raddatz