Von Reiner Klingholz

Würde sich ein Wissenschaftler namens Henry Taube bei der Personalabteilung eines verkaufsorientierten chemischen Unternehmens um einen Arbeitsplatz bemühen, die Bestrebungen des kleinen, freundlichen Mannes wären wohl vergeblich. Taubes schöpferische Erkenntnisse, so würde ihm wahrscheinlich bedeutet werden, lassen sich kaum in bare Münze umwandeln.

Doch der fiktive Personalchef wäre bei seinem Nein schlecht beraten. Der 1915 im kanadischen Saskatoon geborene Forscher verfügt seit Mittwoch letzter Woche über die besten Referenzen, die sich ein Forscher erträumen kann: Die schwedische Akademie der Wissenschaften zeichnete ihn mit dem diesjährigen Nobelpreis für Chemie aus (Höhe: etwa 495 000 Mark) – wohl wissend, wie sehr Taube durch seine Pionier-Experimente zum Verständnis der modernen anorganischen Chemie beigetragen hat.

Die Entscheidung rief hierzulande in Fachkreisen nicht einmal Kopfschütteln hervor – denn dazu ist Henry Taube einfach zu wenig bekannt. Er gehört in Deutschland nicht gerade zu den namhaften Persönlichkeiten der naturwissenschaftlichen Szene.

In seiner neuen Heimat, den Vereinigten Staaten, steht Taube allerdings schon seit Jahren auf der Liste nobelpreisverdächtiger Chemiker. International war es demnach alles andere als eine Überraschung, daß seine Untersuchung über "die Reaktionsmechanismen der Elektronenübertragung bei Metallkomplexen" mit dem begehrten Preis ausgezeichnet wurden.

Eigenlich erlebte die anorganische Chemie in der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg einen immensen Aufschwung. Im Vordergrund stand dabei jedoch die Synthese neuer Verbindungen. Provozierend gesagt, interessierte dabei lediglich, daß die Stoffe A und B zu einem dritten Stoff C reagieren – und sich C dann möglichst auch verkaufen ließ. Taube, damals an der Universität von Chicago tätig, mögen solche Absichten zweitrangig vorgekommen sein – er hielt sich an die wertfreie Chemie: Nicht daß, sondern wie sich Stoffe freiwillig zu einer neuen Verbindung umsetzen, machte ihm Kopfzerbrechen.

Ende der vierziger Jahre, als Taube seine Arbeiten begann, ließen sich viele chemische Reaktionen zwar beobachten, nicht jedoch erklären.