Als im Jahre 1881 die „Briefe eines Unbekannten“ erschienen, war das literarisch interessierte Deutschland fasziniert. Verfasser der Briefe war der ein Jahr vorher verstorbene Alexander von Villers, der nun mit einem Schlag berühmt wurde. Villers hatte ein bewegtes Leben hinter sich: Geboren 1812 in Moskau als Sohn französischer Emigranten, aufgewachsen in Leipzig und Paris. Mit 28 Jahren machte er in Dresden sein Abitur nach und bewältigte in der Rekordzeit von einem Jahr das juristische Studium. Nach seinem Examen erhielt er eine Anstellung im Ministerium der Auswärtigen Angelegenheiten in Dresden. Von 1848 bis 1850 war er der Kanzlei des sächsischen Bundesbevollmächtigten in Frankfurt am Main zugeteilt, er kam nach Paris und Berlin. 1853 wurde er an die Gesandtschaft in Wien beordert, wo er 1870 „beglückt“ aus dem Staatsdienst als Legationsrat ausschied.

Villers verspürte den Drang, sein Leben nach der Pensionierung neu zu gestalten, heute würden wir sagen, er wollte „aussteigen“.

Alles, was er jetzt wollte, war „mäßig leben von Feldfrüchten, ein freier Mensch sein, ohne Heuchelei und Betteln und Schmarotzen, voll ausatmen, in einer Holzhütte leben, in einer verwetterten Kutsche fahren, wenn das einzige Roß nicht gerade Dünger aufs Feld zu führen hat: Solch bescheidenes Dasein ist Luxus; ... wer nicht leben will wie eine Laus auf dem Kopf eines Edelmannes, der muß nach dem Luxus trachten, ein Bauer sein zu können“. Alexander von Villers vertrat eine Stadtfluchtideologie, die hundert Jahre später zu so großer Aktualität gelangen sollte.

1872 mietete er vom Prinzen Liechtenstein „das Wiesenhaus“, ein schlichtes Bauernhaus mit großem Garten in Niederösterreich.

Aus dieser Einsamkeit, Wien war allerdings leicht per Bahn zu erreichen, schrieb er viele schöne Briefe. Wir verdanken dieses Lesevergnügen dem österreichischen Bundesverlag in Wien, der diese Briefe in diesem Jahr neu herausgab; und mit seiner freundlichen Erlaubnis werden wir in den nächsten Wochen Briefe von Alexander von Villers abdrucken.

An seinen Freund Alexander von Wartberg schrieb er den ersten Brief aus seinem ländlichen Domizil am 17. Mai 1872:

„Im großen und ganzen ist mir zumut wie einem Karpfen, der seine Jugend in polnischer Sauce zugebracht hat und auf seine alten Tage einen Teich entdeckt. Der Bauer, der sechzig Jahre in mir schlummerte, ist hier erwacht, reckt die Glieder, reibt sich die Augen, reißt das Maul auf und fragt sich: Wo war ich solange?