Seitdem mehrtägige Bomben mit Verkaufsveranstaltungen zunehmen, seitdem die Vertriebsfirmen nun auch Kur- und Verkehrsämter verunsichern, macht die Reiseindustrie gegen die Kaffeefahrten mobil.

Wenn Tante Lenchen wählen kann, ob sie für 159 Mark drei Tage mit dem Bus nach Berlin fährt – zwar inklusive Verkaufsveranstaltung, aber auch mit Besuch bei Harald Juhnke – oder für 250 Mark ohne alles, ist für sie die Sache meistens klar. Tante Lenchen wählt die vermeintlich preisgünstigere und attraktivere Reise. „Im Endeffekt zahlen die Teilnehmer solcher Verkaufstouren natürlich drauf“, berichtet eine Beraterin der Verbraucher-Zentrale Nordrhein-Westfalen.

Auf ihrem Schreibtisch landen hinterher die Fälle, wenn den Leuten auf solchen Touren beispielsweise Lamahaardecken für 1300 Mark aufgeschwatzt wurden, die bei einem großen Versandhändler für knapp 200 Mark zu haben sind. Trotzdem ist die Beraterin machtlos. Bar gekauft bleibt gekauft.

„Das mit den Jahren mühsam aufpolierte gute Image der Busreise wird durch solche Machenschaften natürlich wieder arg ramponiert“, behauptet Hans Hiltensperger von den Münchener Isaria Reisen, der gleichzeitig dem Ausschuß „Bustouristik des Deutschen Reisebüro Verbandes (DRV)“ angehört. Außerdem, so Hiltensperger weiter, untergraben die Vertriebsfirmen mit ihren subventionierten Verkaufstouren das Preisgefüge der normalen Busreise. Eine Woche „Traumurlaub“ an der Riviera für 278 Mark oder durch Italien nach Capri für 298 Mark oder vier Tage Oberbayern und Wien für 198 Mark lassen sich natürlich nur deshalb so günstig anbieten, weil die auf den Veranstaltungen angebotenen Kochtöpfe, Heizöfen, Massagegeräte, Pelze und so weiter zusätzlich üppige Einnahmen garantieren.

Bei circa drei Millionen Teilnehmern seien im letzten Jahr etwa 400 Millionen Mark umgesetzt worden, behauptet die Verkaufsfahrten-Branche. Branchenkenner schätzen aber, daß es eher eine Milliarde Mark war.

Die Reisebranche klagt über dieses Geschäft, das an ihren Reisebüros vorbeigeht: „In Baden-Württemberg sind lediglich noch zehn bis 15 Prozent kurze Kaffeefahrten, alles andere sind mehrtägige Urlaubsreisen“, hat Heinold Hirsch vom gleichnamigen Karlsruher Busreiseunternehmen beobachtet. Seit längerem bietet er sogenannte „Anti-Werbefahrten“ an – zu ermäßigten Preisen und mit der Garantie, nicht von Verkäufern bedrängt zu werden. Auf Gegen-Werbetour gehen inzwischen auch 14 Unternehmen in Nordrhein-Westfalen.

Trotzdem ist das Lager der Busunternehmer in sich gespalten. Inzwischen machen sie mit Verkaufsfahrten insgesamt genausoviel Umsatz wie mit den normalen Urlaubsreisen. Etwa die Hälfte der Busunternehmer lebt fast ausschließlich von der Zusammenarbeit mit Vertriebsfirmen, die andere Hälfte ist vehement dagegen.