Von Horst Bieber

Ernesto Sábato, in Argentinien ein berühmter Schriftsteller, äußerte sich in einem Interview sehr besorgt: "Ich glaube, es ist die letzte Chance für die Nation ... Entweder kommen wir aus dem Sumpf wieder heraus oder wir stürzen in die totale Lähmung – für immer."

Die Mahnung ist kaum übertrieben. Zwar dürfen am 30. Oktober rund 18 Millionen Argentinier zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder wählen, doch wer immer von den elf angetretenen Parteien und Präsidentschafts-Kandidaten das Rennen macht: Auf eine stabile Demokratie hoffen nur noch wenige. In den vergangenen 53 Jahren hat nur eine gewählte Regierung die volle Legislaturperiode beendet. Argentinien ist, zur hilflosen Wut der Argentinier, ein Synonym für Instabilität geworden.

Vor gut sieben Jahren, im März 1976, griffen wieder einmal die Offiziere ein und beendeten das chaotische Regime der Isabelita Perón. Streiks, wirtschaftlicher Niedergang, eine auf die 1000 Prozent-Marke zugaloppierende Inflation und bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen zwischen Linken und Rechten erzwangen geradezu – zur (heute oft geleugneten) Erleichterung der meisten Argentinier – das militärische Eingreifen. Doch die Uniformierten um General Videla begnügten sich nicht damit, "Ruhe und Ordnung", wiederherzustellen, um die Macht möglichst rasch den Parteien zurückzugeben. Sie wollten es besser machen, gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturfehler ausmerzen, das Land entwickeln. In der richtigen Einsicht, daß es keine verläßliche demokratische Kraft gab, zogen sie den falschen Schluß, sie könnten als stabiler, auf Befehl und Gehorsam gegründeter Machtfaktor die positive Entwicklung kommandieren.

Der Gedanke war nicht neu. Seit der brasilianischen "Revolution" von 1964 haben lateinamerikanische Militärs versucht, Diktatur und Entwicklung zu kombinieren: Seit 1968 in Peru, 1971 in Bolivien, 1972 in Ecuador, 1973 in Chile und Uruguay. Ihnen allen ist gemeinsam, daß sie zwar relativ leicht die Regierungspaläste eroberten, aber mit ihren ehrgeizigen Plänen scheiterten, so daß sie nach unterschiedlich langen Phasen vor der Frage standen oder stehen: Wie wird man die Macht wieder los? "Wahlen" bieten sich als eleganter Ausweg wohl an, aber Wahlen können die Vergangenheit nicht tilgen: nicht die blutigen Hände Pinochets oder der Junta von Buenos Aires im Kampf gegen die "linke Subversion", nicht die katastrophalen Folgen einer gescheiterten Wachstumspoutik auf Kredit wie in Brasilien, auch nicht das Fehlen funktionstüchtiger Parteien, die nun die Erblasten abtragen sollen, aber unter der militärischen Diktatur nicht die Chance hatten, sich auf das Regierungsgeschäft vorzubereiten.

Argentinien trägt an allen drei Übeln. Die Wirtschaft ist zerrüttet; die Inflation bewegt sich auf die 500 Prozent-Marke zu, die Auslandsschulden belaufen sich auf etwa 40 Milliarden Dollar. Das Militär muß fürchten, für die Opfer des schmutzigen Krieges (ob 6000 oder 15 000) zu büßen – trotz eines in letzter Minute selbstverordneten Amnestie-Gesetzes. Und die Parteien sind noch genau das, was sie vor 1976 waren: Machteroberungs-Vereine mit demagogischem Pathos, aber wenig realistischen Programmen.

Die Bevölkerung hat den Falkland-Schock verdrängt, aber nicht verarbeitet. Auf den nationalen Rausch folgte der Katzenjammer: Wie konnten wir so tief fallen? Jahrzehntelang pflegten die Argentinier eine Überheblichkeit: weiß, fast europäisch, ein reiches Land, weit entwickelt, kein Vergleich mit den "Affen" im nördlichen Brasilien. Und nun: hilflos, verschuldet, verachtet, ein Land der Dritten Welt.