Ist die Liebe zur Macht immer eine unglückliche Liebe?

Von Ralf Dahrendorf

Das lernt man sozusagen im zweiten Semester: "L’esprit abhorre les groupements (Paul Valery). Er sondert sich ab. Zuerst locken der Intellektuelle die Beziehung zu seiner Herkunftsschicht, indem er sich von deren standortgebundenem Denken löst. Denn geistige Unabhängigkeit ist seine Lebensluft. Dieser Nonkonformismus verurteilt ihn, mindestens im relativen Sinne, zur Rolle des Einzelgängers, des Outsiders, der gesellschaftlichen Randerscheinung." Dabei bleibt es naturgemäß nicht. Der "freischwebende" Intellektuelle, der sich von den Einbindungen seiner Herkunftsgruppen freigemacht hat, rückt nicht nur an den Rand, sondern vor allem in eine kritische Distanz zur Realität. Durch seine soziale Nicht-Position wird der Intellektuelle zum Verneiner, mindestens aber zu dem, der stets auch ‚die andere‘ Seite sieht. Der Geist steht nicht nur links, sondern die Intellektuellen sind auch eine heimatlose Linke; das ist ihr gesellschaftliches Schicksal.

Gegen die "ewige Linke"

Raymond Aron schrieb schon sein Buch "Das Opium der Intellektuellen" in den Jahren 1954/55 für höhere Semester. Im Vergleich zwischen der Sowjetunion und Frankreich gab er dem Begriff der bürokratisierten Intelligentsia als Gegenstück zu den entfremdeten Intellektuellen der freien Welt Gehalt. Dann nahm er seine Kollegen aufs Korn, ihre Naivität, ihre Mythen, ihr Kokettieren mit der Ideologie der Unfreiheit. In Wahrheit, fügte er damals hinzu, habe die Unterscheidung von "links" und "rechts" ihren Sinn verloren. Ende des ideologischen Zeitalters? war seine Frage zu eben der Zeit, zu der Daniel Bell das Ende der Ideologie konstatierte. Beide hatten es mit dem "Kongreß für die Freiheit der Kultur" zu tun, also mit der (organisierten!) antikommunistischen Intelligenz der fünfziger Jahre. Sie versuchten, den großen Ersatzreligionen der Zeit die Prosa der Realität entgegenzuhalten. Keiner konnte das besser als Raymond Aron: "Im Grunde denke ich, daß das soziale Leben auf dieser Erde sich in der Erfahrung als einigermaßen prosaisch erweist. Als traumhaft in der sowjetischen Version, unvollkommen und vulgär in der amerikanischen Version, wird die industrielle Gesellschaft der dominante Typ unserer Zivilisation." Wer das Reich Gottes auf Erden erhofft, verabschiedet sich von der Geschichte.

Seine Memoires, ein leitendes, großes Buch, hat Raymond Aron zu unserem Glück noch vor seinem Tode fertigstellen können. Da sind die Intellektuellen nicht mehr nur, wie im "Opium der Intellektuellen", "in jedem Lager diejenigen, die Meinungen oder Interessen in eine Theorie umsetzen". Da ist vielmehr die Rede von der gauche ètemelle, der ewigen Linken, "die die Macht niemals ausübt, weil sie sich durch den Widerstand gegen die Macht definiert – die Macht, die ihrem Wesen nach zum Mißbrauch tendiert und diejenigen korrumpiert, die sie ausüben."

Aron beschreibt die ewige Linke, und er bekämpft sie. Für ihn ist die "linke" Konfrontation von Bürgern und Mächtigen ein Rezept der Unverantwortlichkeit, ja der Verantwortungslosigkeit. "Als ich die Unsicherheit meiner Jugend und die Grenzen meiner akademischen Ausbildung erst überwunden hatte, nahm ich eine extreme Position auf der anderen Seite ein: ich wollte mich in beinahe jedem Augenblick als verantwortlich sehen; immer mit der Neigung, mich zu fragen: Was könnte ich an der Stelle dessen, der an der Macht ist, tun?"