Von Michael Ostafel

Pardon Monsieur, das Essen.“ Die Stimme von Madame schreckt mich aus der Betrachtung der Papiertischdecke auf dem Tisch vor mir auf, einer knalligen Werbeanzeige für Blue jeans. Ich sitze im Restaurant „Point du Jour“, hoch oben im Schweizer Jura, und probiere mein Entrecôte. Es schmeckt so lala.

Der „Point“ – „relais gastronomique, chambres avec confort“ – ist der Typ Landgasthof, wie er zuhauf in der Französischen Schweiz zu finden ist: ein paar einfache Holztische und -stühle, dicke rote Vorhänge an den Fenstern, immergrüne Pflanzen überall, viel Nippes, goldgerahmter Kitsch an den Wänden. Ein Lokal, das sicher schon mal bessere Zeiten erlebt hat.

Und ausgerechnet hier sollen sich der Amerikaner Paul Nitze und der Russe Julij Kwitzinskij, Chefunterhändler ihrer Länder bei den Genfer Abrüstungsverhandlungen, zu einem Arbeitsessen getroffen haben? Ja Monsieur, da hinten, da saßen die beiden Herren.“ Madame deutet zu einem Tisch weiter hinten im Raum. Am 16. Juli 1982 war das: zwischen Vorspeise und Hauptgang debattierten Nitze und Kwitzinskij über Pershing-II-Raketen, Marschflugkörper und SS-20-Raketen. Mit geringem Erfolg. Denn die Regierenden der beiden Supermächte lehnten den ausgehandelten Kompromiß ihrer Abrüstungs-Spezialisten ab.

Hätten sie anders entschieden, wer weiß, vielleicht wären die zwei Besitzerinnen des „Point“ für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen worden. Mesdames, l’addition, die Rechnung bitte!

Der „Point du Jour“ liegt am Ortseingang von St. Cergue, einem Luftkurort und Wintersportplatz, fast siebenhundert Meter über dem Genfer See. Vierzig Minuten von Genf entfernt, knapp eine Stunde von Lausanne. Kein besonders schöner Ort, dieses St. Cergue. Ein halbes Dutzend Hotels, zwei Straßenzüge Ferienhäuser, einige Bauernhöfe, die Dorfkirche, eine Bank. An manchen Fassaden dunkelgebeiztes Holz, knallrote Fensterläden, Blumenkästen. Vereinzelt schiebt sich drei- bis vierstöckiger Beton ins Ortsbild – Appartementblocks, exklusive Zweitwohnsitze. Im Winter muß in dem 600-Seelen-Örtchen die Hölle los sein: 30 Skilifte und Sesselbahnen im Umkreis von wenigen Kilometern verbinden St. Cergue mit zahllosen Abfahrtspisten, 50 Kilometer gespurte Langlaufloipen, eine Eis- und eine Curling-Bahn – Schnee total. In der Vor- und Nachwintersaison erholt sich St. Cergue von diesem mehrmonatigen Streß.

Ein sonniges, mildes Wochenende im Herbst: viele Fensterläden sind zugeklappt, die Straßen und Gehwege leer. Gegen Mittag kommt Leben in den Ort. Wanderer mit grobem Schuhwerk und in Kniebundhosen drängen in die Lokale. Die Stullen werden aus dem Rucksack gepackt, ein Gläschen Dole bestellt. Nach einer Stunde Rast geht’s weiter.