Wie Moskau auf die bevorstehende Stationierung von Mittelstreckenraketen in Westeuropa reagiert

Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im Oktober

Die schlanken Hände fallen mit verneinenden Gebärden, die feingliedrige Gestalt scheint resigniert in den eigenwillig-eleganten Anzug zu versinken. Hoch über Moskaus ältester Verkehrsachse, der Gorkij-Straße – gorkij heißt bitter –, vermittelt Valentin Falin anschaulich und gestenreich die sowjetische Verbitterung über Amerika. Gemessen an den markigen Holzhammer-Parolen anderer Propagandisten reiht der heutige Chefkommentator der Iswestija seine Argumente gegen Präsident Reagan geradezu trauerumflort aneinander – zu endlos düsteren Beweisketten. Wo bleiben diese kunstfertigen Klagen nur propagandistisches Glasperlenspiel? Wo enthalten sie berechtigte Vorwürfe, zutreffende Analysen? Die Grenzen sind fließend.

Ruckartig greift der frühere Botschafter in Bonn und spätere stellvertretende Leiter der ZK-Abteilung für Auslandsinformation zu Aschenbecher, Teetasse und Keksschale und "disloziert" sie für ein Weltuntergangs-Szenario: "Da stehen jetzt die Pershing II und dort die SS-20. Und nun passiert etwas wie am Wochenende in Beirut, aber nicht in 3000 km Entfernung, sondern hier... Es genügt ja auch schon ein Computer-Irrtum. Den amerikanischen Computern sind zwischen 1978 und 1980 in nur zwanzig Monaten 170 Fehler unterlaufen, auch mit unseren Computern kann etwas geschehen. Wenn nun die Pershing II nur noch sechs bis zehn Minuten entfernt sind – glauben Sie, da wird es noch eine Politbüro-Sitzung, eine Tagung des Zentralkommitees geben? Die einzige Möglichkeit, die der anderen Seite dann verbleibt, heißt doch: Abschießen, solange die Kommandozentralen noch nicht zerstört sind."

Genfer Countdown

Zu gleicher Stunde, da Falin die Sünden der Amerikaner aufzählte, lief am späten Montag nachmittag über den Ticker der Nachrichtenagentur TASS eine Erklärung mit der Überschrift "Im Verteidigungsministerium der UdSSR" an. Damit begann der Countdown zu einer Woche, deren erster Teil im Zeichen der demonstrativen militärischen Absage an die Genfer Verhandlungen über die Mittelstreckenraketen stand, und in deren zweiter Hälfte das grundsätzliche Nein der Sowjets noch einmal politisch retuschiert werden sollte. Als Schaubühne für diese Kosmetik erwarteten manche Diplomaten und Journalisten in Moskau einen Warschauer-Pakt-Gipfel der Stabs- und Parteichefs, obwohl sowjetische Offizielle bis zum späten Dienstag abend zwar eine "Botschaft des guten Willens in dieser Woche" verhießen, die Pakt-Veranstaltung aber nicht direkt bestätigten ("Das haben Sie gesagt!").