Unerforschlich wie nur die Ratschlüsse Gottes sind jene der ZEIT-Jury, die da entschieden hat, welche hundert die maßgebenden Sachbücher der Welt seien: Ob sie nun ausgerechnet „Zarathustra“, das unsachlichste aller Bücher Nietzsches, auswählte, ob von Jaspers einen verjährten, zeitgebundenen Essay oder von Churchill nur die Hälfte seines Meisterwerks. Denn tatsächlich ist ja „Der Zweite Weltkrieg“ nur die Hälfte dieser vermutlich bedeutendsten Autobiographie der Weltliteratur, die exakt die Jahre 1911 bis 1948 umfaßt, im übertragenen Sinne aber die Geschichte des zweiten dreißigjährigen Krieges, „worin der Autor die Chronik und die Erörterung großer militärischer und politischer Vorgänge am Faden der persönlichen Erfahrungen eines Individuums aufreiht“, wie Churchill selber seine Methode umschreibt, die er dem Dichter des „Robinson“ abgeschaut hat: „Ich habe mich, soweit ich dessen fähig bin, wie in den vorhergehenden Bänden der Methode in Defoes ‚Memoirs of a Cavalier bedient... Ich bin vielleicht der einzige, der in hohen Staatsämtern die beiden größten Umwälzungen der überlieferten Geschichte erlebte ... Diese dreißig Jahre des Wirkens und Handelns – zeigen das Bestreben meines Lebens, und ich bin damit einverstanden, danach beurteilt zu werden ...“

Warum sollte er nicht! Freilich haben die älteren seiner Kabinettsmitglieder, die mit Ausnahme von Lloyd George nicht im geringsten spürten, daß dieser Benjamin unter ihnen, der mit 37 Jahren die Kommandobrücke der schiffreichsten Armada aller Zeitalter betrat, eine Jahrhundertfigur sei, – sie haben erbittert gelacht, als „Weltkrise 1911 bis 18“, fünf Bände, erschienen war: „Winston hat eine brillante Autobiographie geschrieben und sie als eine Geschichte des Weltalls verkleidet“, spottete sein maßgebender Lehrer Arthur Balfour, damals Außenminister. Ein anderer Minister: „Winston hat ein riesiges Buch über sich selber geschrieben und es ‚Weltkrise‘ genannt.“

Diesen Bänden, vermutlich heute die eindrucksvollste Vor-, Haupt- und Nachgeschichte des Ersten Weltkrieges, folgte ein sechster: „Nach dem Kriege“, mit welchem Churchill seinen „Privatkrieg“ gegen den Bolschewismus, die britische Rußland-Intervention, rechtfertigen will, die er als Kriegsminister vergebens durchzusetzen versuchte. Aber so wenig von der ZEIT-Jury diese Bücher mit den sechs folgenden über den „Zweiten Weltkrieg“ als ein Werk angeschaut wurden, so wenig haben überhaupt Deutsche – und das hatte Folgen – diesen sehr persönlichen Verlautbarungen des Mannes, der 1940 ihr Hauptgegner wurde, Aufmerksamkeit zugewendet: niemals ist Churchills Hauptwerk komplett übersetzt worden, zum Schaden Hitlers, der nicht englisch las und daher erst ab 1943 – ziemlich spät – begriffen hat, wer ihm am 10. Mai 1940 als Gegner erstanden war.

Ein Detail: nur mit Rücksicht auf die Klage seines Verlegers, die Bände würden zu dick, strich Churchill zum Beispiel das Kapitel über künstliche Häfen und seine unausgeführten Pläne, an der deutschen Küste im Ersten Weltkrieg schon ebenso zu landen, wie er mit ihnen dann in der Normandie tat. Er hat sich später zu dieser und zu anderen Streichungen gratuliert, weil er sonst ausgeplaudert hätte, was bis 1945 doch noch überraschend sein sollte. Wenig bekannt ist, daß Churchill nicht nur künstliche Häfen gefordert hat, bis Techniker sie erfunden haben, sondern auch den Panzer: so hartnäckig forderte er ihn, bis es ihn 1917 gab. Details aus den zwölf Bänden, die belegen, daß der unersättliche Autobiograph ebenso wie Thomas Mann „nur das Gründliche wahrhaft unterhaltend“ fand.

Die angedeuteten Streichungen stecken die Grenzen ab, die den zwölf Bänden als Geschichtsschreibung vom Autor selber gesetzt worden sind. Da er das Werk „Der Zweite Weltkrieg“ als abgewählten Premierminister schrieb, vorwiegend aber diktierte, auch ganze Kapitel nacherzählte, die Freunde aus dem Krieg ihm schon aufgeschrieben hatten, so mußte er hier mehr verschweigen als beim Diktat der „Weltkrise“. Aber er gab offen zu: „Einige der veröffentlichten Telegramme aus Gründen der nationalen Sicherheit abgeändert“ zu haben.

Nicht nur geniale Zeichner, auch die großen Autobiographen erzielen nicht selten ihre schlagendsten Effekte durch Weglassen. Es ist so, als würde man im britischen „Imperial War-Museum“ die riesigen Ausstellungshallen über den Luftkrieg besuchen. Da sind Angriffe auf britische Städte, auch auf Warschau, auf Rotterdam eindrucksvoll und ausführlich dokumentiert; daß irgendwo auch in einer deutschen Stadt durch Bomber eine Fensterscheibe kaputtgegangen sei: auf diese Idee kann kein Besucher kommen. Während Churchill doch fast zwei volle Zeilen über seinen Tobsuchtsanfall gegen Dresden in die sechs Bände aufnimmt; er hat diesen größten Städtebrand der Weltgeschichte veranstaltet in jener Nacht, als die Konferenzteilnehmer von Jalta schon wieder abreisten, in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar, also total überflüssigerweise, in der Gewißheit des Sieges.

Das soll einkalkulieren, wer sich das – im Wortsinn – grenzenlose Vergnügen bereitet, diesen Epiker zu lesen, der nicht selten zum Dichter wird! Welcher Romancier hätte eindrucksvollere Porträts gezeichnet als Churchill, etwa von Molotow an jenem bedrohlichen Kriegsabend, da er den Russen am geheimen Hinterausgang der Downingstreet verabschiedet, weil ihm der lebensgefährliche Heimflug über das von Deutschen kontrollierte Nordnorwegen bevorsteht; welche Erschütterung teilt sich dem Leser mit, wenn Churchill die seine wiedergibt, als ihm gemeldet wird, daß die Japaner die zwei Schlachtschiffe vernichtet haben, die Churchill den Amerikanern im Pazifik zu Hilfe gesandt hat; und den Rang der Königsdramen Shakespeares erreicht Churchill dort, wo er das für ihn bitterste „Ergebnis“ des Krieges beschreibt: den Warschauer Aufstand und die polnische Tragödie überhaupt.