Von Manfred Sack

Ganz begreiflich ist es nicht, daß "Die vier Bücher zur Architektur" von 1570 von Andrea Palladio (1508-1580) jetzt erst, drei Jahre nach seinem vierhundertsten Todestag, nach all den eloquenten Gedenkübungen, den verschwenderischen Ausstellungen, den unzähligen Aufsätzen, nicht zu reden von den intelligenten Seitenblicken und den platten Anleihen, die sich nun auch moderne Architekten wieder erlauben – schwer verständlich also, daß Palladios weltweit stilbildendes Werk erst-jetzt zum erstenmal vollständig ins Deutsche übertragen worden ist.

Alle, die sich bisher dem italienischen oder dem englischen Text hatten anbequemen müssen, werden ihre zögernde Beobachtung nun bestätigt finden: daß die vier Bücher so aufschlußreich wie schlicht sind, daß sie weniger hochtheoretische Erörterungen enthalten als handfeste Anweisungen für Praktiker der Architektur. Die sorgfältige Übersetzung durch Andreas Beyer und Ulrich Schütte, im Vorwort redlich begründet, läßt davon viel spüren. Vielleicht ist mancher bei der Lektüre dieser reich illustrierten Lehr- und Bildungsbücher (in einem Band) überrascht von dem nüchternen, geschickten Kompromiß, den Palladio selber zwischen Kunst und Vernunft, zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu finden wußte (Verlag für Architektur Artemis, München, 1983; 472 S., 220 Abb., 58 DM).

Was es damit alles auf sich hat, ist der unvergleichlichen, nun wieder zugänglichen Untersuchung des Kunsthistorikers Rudolf Wittkower zu entnehmen: "Grundlagen der Architektur im Zeitalter des Humanismus" (dtv 4412, München, 1983; 190 S., 119 Abb., 12,80 DM). Es war die erste Abhandlung, die sich mit den Architekturtheorien von Alberti bis Palladio abgab und sie an den Bauwerken maß, die danach errichtet wurden – ein sehr lesbares, kluges Buch, das seinesgleichen nicht hat.

Der Vieweg-Verlag druckte dieses Jahr gleich drei alte Meister neu. Seine eigenartigste Entdeckung ist Wendel Dietterlins Wand- und Fassaden-Musterbuch "Architectura" von 1598, ehemals "dienlich allen Mahlern, Steinmetzen, Bildhawern, Schreinern und anderen Liebhabern" beim Entwerfen und Schmücken von Bauwerken, heute aber wohl nur von Interesse für Geschichtsneugierige, auch für diejenigen, die ein Vergnügen daran haben, den, wie der Verlag anmerkt, "ornamentalen Reichtum des Manierismus mit der Armseligkeit gegenwärtiger Dekorationskunst" zu vergleichen. Es ist das womöglich absonderlichste "Säulenbuch" aller Zeiten (Friedr. Vieweg & Sohn, Wiesbaden, 1983; 240 S., über 200 Radierungen, 64 DM).

Von weit diesseitigerem Interesse sind, damit verglichen^ die beiden anderen Wiederholungen. Da ist erstens das Buch des ehemaligen Hamburger Oberbaudirektors Fritz Schumacher (1869-1947) über "Strömungen in deutscher Bau-Kunst seit 1800" (bis zum Beginn der dreißiger Jahre unseres Jahrhunderts): gescheite, ungewöhnlich gut geschriebene Beobachtungen eines unabhängigen kritischen Geistes, die heute von beinahe größerem Interesse sind als 1935, im ersten Erscheinungsjahr (Vieweg, 1983; 301 S., 247 Abb., 64 DM).

Wenn man dort auf Seite 98 liest, was er über Camillo Sitte und sein Buch "Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen" von 1889 schreibt, ahnt man schon die Aufregungen, die diese – von Vieweg soeben als Reprint wieder vorgelegten – Erörterungen damals hervorgerufen haben. Sitte (1843-1903) hatte, durch die städtebaulichen Entstellungen seiner Zeit unruhig geworden, "wagen" wollen, "eine Menge schöner alter Platz- und überhaupt Stadtanlagen auf die Ursachen ihrer schönen Wirkung hin zu untersuchen", weil sie, "richtig erkannt, dann eine Summe von Regeln darstellen würden, bei deren Befolgung dann ähnliche treffliche Wirkungen erzielt werden müßten". Wie die alten Baumeister wollte er keine Geschichte schreiben, sondern Material für die Praktiker schaffen als einen "Teil des großen Lehrgebäudes praktischer Ästhetik".