Von Sigrid Löffler

Schon an ihren Autos hätte man sie erkennen können. Was da auf der grünen Wiese hinter Stetteldorf am Wagram geparkt stand, war das geballte Understatement der mitteleuropäischen Aristokratie. Auf dem provisorischen Parkplatz eines niederösterreichischen Bauerndorfes verschnaufte an einem scharf durchsonnten Oktobersamstagvormittag manch rostiger, aber rüstiger Diesel-Mercedes mit Bundesländer-Nummer – die adligen Land- und Forstwirte hatten sich also herbemüht von ihren Gütern im Steirischen und im Niederösterreichischen. Daneben drängten sich bergfeste Tiroler Landrover und diskrete Münchner Stadtlimousinen. Wiens Adelsfamilien waren in unauffälligen Mittelklassewagen angereist, desgleichen die Herren der Burgen und Schlösser aus der Nachbarschaft; dazwischen schon mal ein schlichter VW-Polo, veredelt einzig durch sein Kennzeichen, eine exklusive Fürstentum-Liechtensteinische Autonummer.

Die Wagenbesitzer selber wandelten, grüßten und plauderten bereits; Sektglas in der Hand, auf höchst geschichtsträchtigem, wenn auch verwahrlostem Boden – im Hof des Schlosses Stetteldorf, heute ein desolater Kasten, aber einst einen Tag und eine Nacht lang Schauplatz der Weltgeschichte. Was die Wagenbesitzer auf diesem unwirtlichen Schloßhof zusammenführte, war einzig die Tatsache, daß sie hießen, wie sie hießen: Sie waren Namensträger, Namenserben. Sie hießen Starhemberg, Liechtenstein, Sobieski, Habsburg-Lothringen, Auersperg, Hardegg, Waldeck oder Jablonowski, und ihre Vorfahren hatten vor genau 300 Jahren kampiert, wo die Nachkommen jetzt promenierten. Im Schloß Stetteldorf hatten am 3. September 1683 die alliierten Heerführer Mitteleuropas Kriegsrat gehalten, ehe sie am 12. September mit ihren Armeen die Hänge des Kahlenbergs hinunterstürmten und die belagerte Stadt Wien von den Türken befreiten. Der Allianz der Türkenkämpfer und der Entsatzschlacht von Wien galt ein zweitägiges "Paneuropa-Fest 1683-1983", das die Namensträger sich selber und einander bereiteten. Oder, wie’s in der Einladung hieß: "Im Mittelpunkt dieses Festes stehen die unmittelbaren Erben der Träger der Ereignisse von 1683 – die Erben der Feldherren, Reichsfürsten, der Diplomaten, aber auch jene der Gemeinden, Länder und Zünfte, die religiösen Orden, die Wien verteidigten, und alle geschichtsbewußten Österreicher und Europäer, die an der gemeinsamen Zukunft Europas interessiert sind."

Selbst wer gewillt war, ein Wochenende lang Geschichtsbewußtsein durch Namensbewußtsein zu ersetzen, konnte kaum übersehen, daß die unmittelbaren Erben eher mittelbare Erben waren, Sogar die Sobieski-Biographin Gerda Hagenau, der die Idee zum Jubiläums-Treff gekommen war, mußte bekennen: "Es sind natürlich alles nur noch Nebenlinien, die heute die Geschlechternamen tragen; die direkten Linien sind ausgestorben."

Macht nichts. Irgendwie verwandt war man jedenfalls. Die Cousinage war anwesend, man sah lauter bekannte Gesichter, und die unbekannten hießen wenigstens Sobieski und waren Professor in Brüssel. Die Herbstsonne war glorios, die Trachtenkapelle spielte "Prinz Eugen, der edle Ritter", irgendwo wandelte ein Erzherzog Lorenz von Österreich-Este, nippte am Sekt und reklamierte den Prinzen Eugen von Savoyen als Ahnherrn. Die Festredner beschworen den "Geist von Stetteldorf" als Rezept für die Zukunft, ein Denkmal wurde angeregt für sämtliche Befreier Wiens, die beugte Gastgeberin, Mechthild Gräfin Hardegg, entschuldigte sich bei jedermann für den beklagenswerten Zustand ihres Erbschlosses ("Wäre der Hausherr aus dem Krieg zurückgekommen, dann würde Stetteldorf in neuem Glanz erstrahlen."), und die Luft erzitterte von der Anrufung großer Ahnen – Ernst Rüdiger Graf Starhemberg, Kaiser Leopold, König Johann Sobieski, Kardinal Leopold Karl Graf Kollonitsch, Herzog und Feldmarschall Karl von Lothringen, Krongroßhetman Stanislaw Jablonowski, Kurfürst Max Emanuel von Bayern, Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden, Pater Marco d’Aviano. Na ja, der Kapuzinerpater war vielleicht nicht einmal mittelbar ein Ahnherr, aber sein Geburtsort Aviano lebte ja noch und hatte eine jubeltüchtige Abordnung entsandt. Der Bürgermeister von Wien und der Regierungschef von Niederösterreich hatten sich leider entschuldigen lassen, und auch sonst mangelte es deutlich an politischer Prominenz. Macht nichts, prominent war man selber, und ein festredender Vortragender Hofrat der niederösterreichischen Landesregierung war schließlich unüberhörbar anwesend und machte sich stark für "eine friedliche, wenn auch harte geistige Auseinandersetzung um Europa", wobei er statt des türkischen Erbfeinds des Abendlandes offenbar eine andere Gefahr aus dem Osten im Auge hatte. Jedenfalls betrat, als sei "Abendland" ein Stichwort, in diesem Augenblick der CSU-Europaparlamentarier Otto von Habsburg mit Familie den Hof, und das Gruppenbild mit Kaiser konnte sich endlich formieren. Da standen sie unterm baufälligen Schloßportal, die mittelbaren und indirekten Nachkommen und erlesenen Namensträger, und blinzelten auf Geheiß in alle Kameras, die überhaupt auf sie gerichtet wurden.

Der "Geist von Stetteldorf" war, einmal beschworen, danach nicht mehr zu verscheuchen – er schwebte über den Erben, wo auch immer sie sich an diesem Wochenende versammelten. Und sie versammelten sich immer wieder. Sie trafen sich zum Festakt im Kaisersaal des Stiftes Klosterneuburg und lauschten, zum zweiten Mal, dem Vortragenden Hofrat der niederösterreichischen Landesregierung, der, zum zweiten Mal, einer "friedlichen, wenn auch harten geistigen Auseinandersetzung um Europa" das Wort redete. Sie trafen sich zur Gedenkfeier bei der Pestsäule auf dem Wiener Graben, die zur Feier des Tages nur "Dreifaltigkeitssäule" genannt wurde, wobei eine Trachtenkapelle "Prinz Eugen, der edle Ritter" intonierte. Sie trafen sich zum Festgottesdienst im Wiener Stephansdom und lauschten dem Prediger, der den militanten Anlaß benutzte, um wenigstens verbal gleichfalls zu Felde zu ziehen. "Die ungerechte Diffamierung des Soldatenstandes muß unter Christen aufhören!" donnerte der Prediger, "ganz ohne Waffen Frieden zu schaffen, ist in dieser Welt unmöglich – das sind die Tatsachen, hart, aber wahr!" Die Namensträger im Chorgestühl und im Kirchenschiff nickten zustimmend, und die Traditionskapelle spielte statt des "Edlen Ritters" endlich die Kaiserhymne, freilich getarnt als Kirchenlied und auf den Text des "Tantum ergo sacramentum", wobei aber die schwarzgelben Kaiserfahnen geschwungen wurden und die Böller krachten, damit auch jeder wußte, wie’s gemeint war. Oder, wie’s der Prediger formulierte, "damit diese schöne Melodie wenigstens in der Kirche nicht ausstirbt".

Nach Festempfang, Festakt und Festgottesdienst trafen sich die Festgäste noch zum Festzug und zur Festkundgebung, ehe es dem "Geist von Stetteldorf" gestattet wurde, sich für die nächsten 300 Jahre zu verflüchtigen. Der Festzug durch die Innenstadt, vom Stephansdom zum Musikverein, war eine schöne Demonstration der Einheit: Die Akteure waren zugleich ihr eigenes Publikum. Allenfalls ein paar verdutzte Spaziergänger und verspätete Touristen hielten inne, als unter Trommelwirbel und klingendem Spiel – die Traditionskapelle intonierte "Prinz Eugen, der edle Ritter" – der Sohn des letzten österreichischen Kaisers an der Spitze eines Festzuges fürbaß schritt und leutselig nach allen Seiten grüßte,