Hervorragend

„Standards, Vol. 1“. Wer weiß, ob dieser Titel besondere Erwartungen hervorriefe, wenn nicht der Name des Pianisten Keith Jarrett darüber und die des Bassisten Gary Peacock und des Schlagzeugers Jack DeJohnette darunter zu lesen wären: Diese drei sind es, die mit der Adaption alter, vom Jazz schon lange geliebter (Schlager-)Melodien Neugier wecken. Müßig zu fragen, warum Jarret sich auf einmal davon packen ließ – und die Angabe Vol. 1 läßt ja noch mehr Folgen erwarten –; er und seine beiden Mitspieler haben sich davon jedenfalls erheblich inspirieren lassen. Sie respektieren die alten Themen (darunter das harmonisch ungemein bewegte „All the things you are“ von Jerome Kern und „It never entered my mind“ von Richard Rogers), aber schon beim ersten Anspielen setzen sie sie ihrem eigenwilligen rhythmischen Temperament aus: Jarret-Musik. Der Pianist (natürlich vor allem er), Bassist und Trommler verwickeln die Melodie bald mit musikalischer Lust in ihr Improvisationsspiel, ohne sie dabei aber gänzlich auf den Kopf zu stellen. Auf dieser Schallplatte zeigt Jarret, was er am besten kann: „gebundenen“ Jazz zu machen, Musik also, der ein Thema zugrundeliegt, und dies in einer Gruppe, in die sich der Meister einzufügen hat und die ihm nicht erlaubt, mit seiner Phantasie herumzuirren und sich solo vor dem Publikum zu ergießen. Sich zurückzuhalten, fällt ihm ohnehin schwer: So hört man ihn mehr, als der Sache zuträglich, jaulen, seufzen, sich in Verzückungen winden. (ECM 1255) Manfred Sack

Hörenswert

Altar Rubinstein: „Konzerte/Kammermusik/Encores“. Was er mit sechzig, siebzig, achtzig und mehr Jahren spielte, haben wir gehört, gesehen, hören und bewundern wir weiter. Was er in den Jahren zwischen 1928 und 1947 spielte, hüteten die paar wenigen Schellack-Platten-Besitzer wie ihren Augapfel – jetzt kommt es neu heraus, aufgebessert, so gut sichs technisch wohl machen ließ. Wer die Erinnerungen des großen Mannes gelesen hat, erwartet einen Dahinstürmenden, der alles aus dem Weg weht und doch mit größter Eleganz alles für sich gewinnt. Dieses Wunder der Revitalisierung der „wilden Jahre“ kann auch die Technik nicht leisten. Aber die Delikatesse in der Virtuosität, Härte und Süße, Empfindung und Kraft, Sensibilität und Anspruch – die ganze Skala scheinbar gegensätzlicher Attribute möchte man bemühen, um das zu benennen, was nur zu hören ist, und es bliebe unvollkommen. Diese „früheste überlieferte Schicht eines langen, erfüllten Künstlerlebens“ ist manchmal selber noch vielschichtig, vieldeutig, will alles und schafft das meiste und behielte doch heute noch gegen manchen inzwischen technisch Perfekteren durch weit mehr intelligente Musikalität die Oberhand. (EMI 1 C 137 15544 273, 3 LP/ 553, 2 LP/ 143 5551) Heinz Josef Herbort