Von Fritz J. Raddatz

Es gibt Dinge, die gibt es gar nicht. Aber man wischt sich die Augen: es gibt sie doch – beispielsweise den allerorts wieder hervorkeifenden Ton der Denunziation statt der Debatte; daß Politiker sich seit geraumer Zeit aus der von ihnen veranstalteten Realität in die Schmährede geflüchtet haben, legt man inzwischen schon achselzuckend ab unter D wie Denkfaulheit – aber daß intellektuelle Auseinandersetzung durch Reglementierung, Pöbelei und Verdächtigung ersetzt wird, sollte nicht hingenommen werden, ob Polizeihatz auf angeblich pornographische Literatur oder die angesichts des permanenten Gerhard Löwenthal unerträgliche Abkommandierung von Franz Alt. Zurück zu den Schlammringkämpfen der fünfziger Jahre?

Jüngstes Beispiel ist ein abstrus verwahrlostes Elaborat des Ettlinger Informatik-Professors Karl Steinbuch; unter der Überschrift "Über die Verantwortung für die Kriminalitätsopfer" hielt er einen Vortrag bei der diesjährigen Heidelberger Mitgliederversammlung des Vereins "Weißer Ring", der unter anderem die Verhütung von Straftaten auf sein Banner geheftet hat. Das etwa halbstündige Referat ist eine hühnerhirnige Philippika gegen alles, was liberale Öffentlichkeit in der Bundesrepublik genannt wird: ob Böll oder Jens, Horst-Eberhard Richter oder Gräfin Dönhoff, Jonathan Schells Buch "Das Schicksal der Erde" oder "die Blätter" von ZEIT-Verleger Bucerius – "Hepp Hepp" ruft der Pogromprofessor, wenn er mit dem Benennen dieser Schuldigen seine Eingangsfrage beantwortet "Wie konnte in unserem Lande ein geistiges Klima entstehen, aus dem immer mehr Straftaten wie aus einem Humusboden herauswuchsen?"

Karl Steinbuch weiß es: Ein krankhafter, hysterischer Zukunftspessimismus, in die eine hilflose Jugend hineinmanipuliert wird – nicht etwa eine rücksichtslos gierige Industrie und eine verantwortungslose Politik, die Flüsse, Seen und Wälder sterben läßt: eine Publizistik, die nicht über ihre Verantwortung nachdenkt, in Zynismus verkommt – und die nicht etwa Korrektiv für Machtmißbrauch und Korruption ist. Der Informatik-Professor baut aus den Klötzchen seines Desinformationsbaukastens eine heile "Neue Heimat". Wer aus diesem Luftgebäude fällt – also gar straffällig wird ist ein Opfer nicht von deren Konstrukteuren; schuld ist vielmehr ein wüstes Konglomerat historischen Fehlverhaltens: vom Versailler Schandvertrag über die Emanzipation bis zum Medienbetrieb. Das läßt sich nicht mehr parodieren, das muß man nur noch, Alexander Kluges Montagetechnik im Gedächtnis, zitieren. So also lauten die Glaubenssätzchen von Karl Steinbuch: Über den Lebensstandard

"Der gegenwärtige Wohlstand unseres Landes beruht nicht auf der ,Ausbeutung‘ anderer Länder, sondern auf außerordentlichen Leistungen unserer Vorfahren... Vergleichbare Leistungen können nur wenig andere Völker aufweisen."

Über unsere historische Schuld

"Man kann die deutsche Geschichte nicht auf Hitlers Schandtaten reduzieren – Hitler stand nicht in der Kontinuität der deutschen Geschichte, und er hätte seine Barbarei nicht beginnen können, wenn unser Volk zu Ende des Ersten Weltkrieges von den Siegermächten nicht so barbarisch behandelt worden wäre. Ohne die Barbarei des Versailler Vertrages hätte es Hitlers Barbarei wohl nicht gegeben."

Über die Gleichberechtigung

"Wenn das Sicherheitsbedürfnis befriedigt ist, dann erscheint als nächstes das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Liebe. Welche verheerende Wirkung hat hier z. B. die Absicht, die ,Gleichberechtigung‘ der Frau in Politik und Wirtschaft herzustellen – und sie hierdurch ihren Kindern zu entziehen!"

Das ist ja nun sehr hübsch, und Karl Steinbuch hat sich zum großen Philosophen gewendelt. Wie es sich für einen solchen Denker gehört, benutzt er gerne anderer Leute Überlegungen, auch wenn sie sonst niemand kennt – etwa einen Psychotherapeuten, der Jugendkriminalität, Drogenwelle, Ideologieanfälligkeit und Neurotisierung der Jugend kühn miteinander in Beziehung setzt; als Ursachen diagnostiziert er vor allem die Auflösung fester Normen, die Illusion der Freiheit, Lustgewinn als Lebenssinn, den neuen Individualismus und den Glauben an die Gleichheit.

Ein warmes Bad für kühle Köpfe; auch, wenn jedes Argument Logik durch Mogelei ersetzt: "Viele junge Mitbürger identifizieren sich nicht mehr mit unserem Volk – sie glauben den Demagogen und ihren Behauptungen, unsere nationale Identität sei hassenswert." So ein kurzer Satz beweist, daß Steinbuch entweder nicht weiß, wovon er spricht – oder ein Fälscher ist. Man könnte nämlich einen ganzen Essay zu eben diesem Thema schreiben, darüber, daß es in Büchern und Gedichten, Theaterstücken und Akademiediskussionen hin und hergewendet wird, daß die Begriffe Heimat, Vaterland, Staat, Volk, seit einigen Jahren Titel von Anthologien prägen oder politische Theorien wie die brisant-intelligenten von Günter Gaus. Karl Steinbuch sagt: "Die angeblich progressive‘ Ideologie zerstört auch die Identifikation mit unserem Volke unter dem Vorwand, ,nationalistischen’ Tendenzen entgegentreten zu müssen." Und genau das ist schlichtweg nicht wahr: Das ist nicht die Position eines Günter Grass oder eines Jürgen Habermas oder eines Heinrich Böll. Was Steinbuch hier tut, ist so unreinlich: wie unredlich; seine Karikatur des deutschen Literatur-Nobelpreisträgers ist nicht einmal mehr komisch: "Wieviel Verantwortung für kriminelle Umtriebe trägt beispielsweise Heinrich Böll (und seine vielen Glaubensgenossen), der – vor allem mit dem Buche ‚Die verlorene Ehre der Katharina Blum‘ – Vertreter des Rechtsstaates als stupide Trottel und Terroristen als reine Idealisten dargestellt hat?" Es gibt keine Zeile im Werk von Heinrich Böll, die derlei Misinterpretation stützen könnte; wer lesen kann, ohne die Lippen zu bewegen, darf den Grundgestus von Mitleid und die Gebärde des Bittens im gesamten Œuvre von Heinrich Böll nicht ignorieren. Wenn Franz Alts honoriger "Report"-Kollege Wolfgang Moser soeben in einer Rede (die wegen ihrer kritischen Anmerkungen nicht gehalten werden durfte) als neuestes Instrument seiner Branche die Schere im Kopf definiert, von den verschiedenen Scherenschleifern – auch Intendanten genannt – verordnet und erwünscht, dann hat Professor Steinbuch ein wiederum neues Gerät für die Herstellung seiner Druckware gefunden: den Radiergummi; er radiert aus, was ihm nicht paßt. Seine Tipp-Ex-Texte verbiegen nicht nur die eigene Sprache (was zu ertragen wäre), sondern auch Denk- und Fühlweise politisch Andersdenkender (was unerträglich ist): "Wenn sich diese Böllsche Privatmoral in unserem Lande noch weiter ausbreitet – was angesichts seiner vielen publizistischen Mitläufer zu befürchten ist

dann lösen sich die Normen der Rechtsstaatlichkeit immer weiter auf,

dann werden wir immer unfähiger, unsere schweren Zukunftsprobleme zu lösen,

dann spaltet sich unsere Sozietät immer weiter in zwei Klassen auf, deren eine arbeitet und Verantwortung trägt, deren andere kritisiert und keine Verantwortung trägt.

Aber Böll ist ja nur die Spitze dieses Eisbergs – Unzählige eifern ihm nach."

Wem bisher auch nur leise unbehaglich war beim Blockwart-Halali des Eduard Zimmermann, mag jetzt beruhigt weiterschlafen: Er hatte recht. Denn der "Feina-hört-mit"-Spezialist, im Verstehen von Buchstabenkombinationen über XYZ hinaus wenig geübt, applaudierte dem scharfmacherischen Unsinn von Karl Steinbuch emphatisch: "Also, ein paar Mal habe ich während dieses glänzenden Referates doch für Sekunden die Luft angehalten. So deutlich und schonungslos hat bisher noch kein Gastreferent beim Weissen Ring die Fakten genannt, die zur Gefährdung unserer sittlichen Normen und somit zu Millionen von Kriminalitätsopfern führen. Aber dann, als ich das Gesagte richtig verstanden und verdaut hatte, da hat es mich getröstet." Mich nicht. Die unverständige und unverständliche Suada macht, pars pro toto, aus unserer Republik ein Land der hinterhältigen Unterstellung; aus Gegnern Feinde; reduziert das Forum zum Markt. Für den mag gängig sein, was eine Märchentante da raunte windschlüpfig gestyltes Modell in wechselnder Strömung. Zur Figur, zum rocher de bronce wird man mit derlei gemein-nützigem Kehrricht nicht; eher zum Gummibärchen.