Franz Josef Strauß, der Unermüdliche und Wortgewaltige, hat ein neues politisches Gesetz verkündet. Bei der Entscheidung über den Kandidaten für das Bundespräsidentenamt, so ließ er über die Welt alle Welt wissen, werde man „sehr sorgfältig das Gesetz der psychologischen Ausgeglichenheit innerhalb der Union überlegen müssen“. Aber Strauß wäre nicht Strauß, wenn er nicht hinzugefügt hätte, was er sich dabei denke, könne er nur im Kreise derer sagen, die zu jener Entscheidung berufen seien.

Was Wunder, wenn nun die Auguren erst recht rätseln. Hat der Bayer, worauf die Bonner bei ihm ja immer sogleich kommen, vielleicht im Sinn, daß die Aufstellung eines zu den „norddeutschen Protestanten“ gerechneten Bewerbers wie Richard von Weizsäcker der süddeutsch-katholischen CSU bei der Erfüllung anderer Wünsche behilflich sein anderer Oder meint er, fast ein Akt großherziger strategischer Selbstüberwindung, genau umgekehrt, daß das norddeutsche Element in der Union, schwächer als das süddeutsche, gestärkt werden müsse? Immerhin hat er auch davon gesprochen, ihm gehe es bei der Präsidentenwahl darum, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß die Union über 1987 hinaus an der Regierung bleiben könne.

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Das ist nur ein Beispiel für das Durcheinander bei der Diskussion um die Nachfolge von Karl Carstens. Zwar reden alle in der CDU/CSU darüber; fast alle aber halten sich bedeckt. Jedermann geht davon aus, Weizsäcker strebe nach Kräften in die Villa Hammerschmidt, zumal er nicht nur nicht abgewunken hat, sondern auf eine Entscheidung drängt. Wie der Berliner Regierende Bürgermeister verlangt auch das Parteivolk immer dringender nach Klarheit, je weiter sich die Nachfolgediskussion auch in der Öffentlichkeit ausbreitet. Dabei mehren sich die besorgten Stimmen von Leuten, die meinen, Weizsäckers Rückkehr nach Bonn könne der Berliner CDU die Regierungsherrlichkeit nehmen.

Der Kanzler und Parteichef Helmut Kohl sperrt sich aber noch immer gegen eine offizielle Festlegung. Entstand erst der Eindruck, die Entscheidung werde nach der Sommerpause fallen, so hieß es im September, sie sei nach den Wahlen in Hessen und Bremen denkbar. Nun ist die Rede davon, Kohl habe als Zeitpunkt nie etwas anderes im Auge gehabt als den November.

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Angesichts dieser Tatsachen blühen tue Spekulationen. Neben den alten Mitbewerbern Rainer, Barzel und Alfred Dregger wird immer häufiger Ernst Albrecht als Kandidat genannt. Man sagt ihm nach, er sei seiner niedersächsischen Ministerpräsidentenschaft überdrüssig. Abgesehen davon, daß Albrecht Norddeutscher und Protestant ist, könnte er, im Gegensatz zu Weizsäcker, in Gestalt seines Stellvertreters Wilfried Hasselmann auch einen aussichtsreichen Nachfolger als Chef der Landesregierung präsentieren.