Anfangs hatte ich es für spontane Gesten der Zuneigung gehalten, wenn meine Töchter mich kniffen. Aber da es immer nur beim Autofahren geschah, erlaubte ich mir eines Tages die Frage: „Warum kneifst du mich?“ Die Antwort hatte etwas von Ionesco, sie hieß: „Grüne Ente.“

Wer Kinder hat, der weiß nun vielleicht schon, wovon die Rede ist: Wenn man eine grüne Ente sieht, darf man sich etwas wünschen, man muß dabei nur jemanden kneifen. Sternschnuppen und vierblättrige Kleeblätter erlauben das Wünschen schmerzloser. Aber die Technik, die Technik!

Bei der Kneif- und Wunsch-Ente, von der hier gesprochen wird, handelt es sich (natürlich) um jenes französische Auto, das ursprünglich auch bei uns einfach döschwo hieß, zwischendurch häßliches Entlein genannt wurde, heute einfach die Ente, oder, mehr intellektuell, zweizevau heißt, und bei jungen Leuten eine Beliebtheit erlangt hat, für die es nur ein einziges Argument gibt: Es ist eben die Ente.

Na gut! Aber warum darf man sich beim bloßen Anblick einer grünen Ente etwas wünschen? Vielleicht, weil Sternschnuppen kaum noch zu sehen sind? Übrigens: Bei der Ente wie bei der Sternschnuppe darf man seinen Wunsch natürlich nicht verraten, er geht dann nämlich niemals in Erfüllung.

Zum Glück sind nicht sehr viele Enten grün, nur zwischen elf und zwölf Prozent von hundertsechzigtausend, die in Deutschland zugelassen sind. Wieviel öfter würd’ ich sonst gekniffen.

Vor ein paar Jahren, da war es noch ein andres Spiel, das Kinder mit den Enten trieben. Damals mußten sie sie zählen, wobei streng vorgeschrieben war, wieviele da zusammenkommen mußten: Geburtsdatum mal zehn. Das aber war durchaus nicht alles. Hatten sie die Zahl beisammen, mußten die Kinder noch drei Glatzköpfe zählen, Glatzköpfe von Kojak-Format, und der nächste Junge, dem sie dann die Hand gaben, den würden sie heiraten.

Der aufmerksame Leser spürt hier einen Bruch: Haben denn nur Mädchen dieses Spiel gespielt? Ja – fast nur Mädchen. Geradezu ein Rückfall in voremanzipatorische Dunkelheit! Und merkwürdig: Niemand ging auf die Barrikaden ‚wegen der Ungerechtigkeit, die doch darin lag, daß die eine vielleicht nur zehn, eine andere aber dreihundertzehn Enten zählen mußte, ehe sie sich den Glatzköpfen und dann ihrem Zukünftigen zuwenden durfte. Es wurde hingenommen als Fügung des Schicksals.