Der SPD-Vorsitzende zwischen Parteiräson und Kampfeslust / Von Gunter Hofmann Bonn,

im Oktober

Willy Brandt scheint vor Anspannung noch zu vibrieren. Sein Auftritt vor der Friedensbewegung im Bonner Hofgarten am vergangenen Wochenende, die Dramatik der Sicherheitspolitik, um die seit vielen Jahren gerungen wird und die nun auf eine Entscheidung zutreibt – das alles führt dazu, daß er sich zwingen muß, ganz ruhig zu bleiben. Man sieht es ihm an.

Brandt, an dem sich immer noch die Geister scheiden wie an wenigen anderen Politikern der Republik nach dem Krieg, hat da etwas zu sagen: seit 1964 steht er an der Spitze seiner Partei, er war der erste sozialdemokratische Kanzler, 1971 erhielt er den Friedensnobelpreis. Es ist der Mann, dessen Name sich mit Versöhnung und innerem Aufbruch verbindet. Brandt ist ein Symbol. Und aktiv ist er obendrein.

Den Entschluß, vor der Friedensbewegung aufzutreten, hat er gegen viele Widerstände durchgesetzt. Seine Partei bleibt darüber geteilter Meinung. Die Regierung skandiert, er verrate die Politik Helmut Schmidts. Und die Grünen wittern Verrat, weil er gar nicht "wirklich" zur Friedensbewegung gehöre.

Das alles bebt bei Brandt noch nach. Da hat sich viel aufgestaut. Sein Mißtrauen gegenüber Helmut Kohls Urteil, die Stationierungspolitik werde "von unserem Volk getragen", ist gewachsen. Er sieht nur, daß es sich auseinanderdividiert. Die militärische Notwendigkeit ziehe selbst Robert McNamara in Zweifel. Was aus der Ost-West-Beziehung werde, stehe in den Sternen. Wie er das sagt, wirkt Brandt manchmal so, als schwanke er zwischen Ohnmachtsgefühlen und zorniger Kampfeslust. Dann wurmt ihn, daß die Dramatik der Ereignisse nicht alle so umtreibt wie ihn. Er reagiert darauf nicht nur bewegt, er will auch etwas bewegen.

"Bevor es zu spät ist" – so hatte Willy Brandt einen Vier-Punkte-Plan überschrieben, den er jüngst einem Washingtoner Auditorium vorstellte. Darauf kommt er jetzt zurück. Der Tenor lautet: freeze. Amerika und die Sowjetunion sollten alle Atomwaffenversuche stoppen. Während die USA auf die Stationierung von neuen Raketen in Europa mindestens vorläufig verzichten, solle die Sowjetunion mit der Verschrottung von SS-20-Raketen auf eine eng begrenzte Zahl beginnen. Das sollte doch menschenmöglich sein.