Eines Abends, es regnete, fuhren zwei Polizisten aus Amsterdam, Adjudant Grijpstra und Brigadier de Gier, zu einem Haus, in dem sich „eine an einem Seil aufgehängte Leiche“ befand. Sie parkten ihren alten VW, „und zwar völlig verkehrswidrig“, stiegen jedoch nicht aus. Sie hatten „keine Lust... durch den Regen zu laufen“. Und sie hatten auch „keine Lust, eine Leiche an einem Seil baumeln zu sehen“. Lieber „lauschten“ sie „einträchtig auf die dicken Regentropfen, die ... auf das Blechdach des Volkswagens trommelten“.

Kurz darauf gehen die beiden aber doch an ihre Arbeit. Durch eine Tat war „die Ordnung ... gestört worden“, und sie „als Kriminalbeamte“ hatten nun einmal die Pflicht, „sie wiederher(zu)stellen“.

Mit dem Zwiespalt, den die beiden Polizisten empfinden: zwischen Lust und Pflicht, beginnt „Outsider in Amsterdam“ von Janwillem van de Wetering. Es ist das erste einer inzwischen acht Bücher umfassenden „série policiére“, in der es um Mordfälle und alltägliche Polizeiarbeit geht und – wie in allen Serien – um das Spiel mit den Nuancen, das die Regeln des Erzählens wie die des Erzählten verändert.

Die Helden, de Gier, Grijpstra und ihr Chef, stets nur Commissaris genannt, „beobachten, verbinden, folgern und nehmen fest, falls“ sie es können. Sie arbeiten nach „einfachen Regeln“, die der Commissaris in „The Maine Massacre“ einmal wie ein Rezept aufsagt: „Zähle die Verdächtigen auf, verhöre sie und schnüffle herum nach Informationen. Folge jeder Spur und versuche, sie mit einer Theorie in Einklang zu bringen. Falls eine Spur nicht hineinpaßt, laß die Theorie fallen.“

Indem van de Wetering von dieser Arbeit erzählt, von den Erfolgen und Mißerfolgen, von den Mühen und Zwängen und von den Gefühlen, die sie hervorruft, schreibt er Genre-Literatur. Doch indem ihm dabei die Art und Weise, wie die Helden handeln, wichtiger ist als das Handeln selbst, die innere Verfassung der Helden wichtiger als die Polizeiaktionen, formuliert er einen zweiten Sinn, der das Genre innovativ variiert. De Gier, Grijpstra und der Commissaris müssen, um erfolgreich zu sein, nicht nur ihren Job erledigen. Sie müssen auch Ordnung schaffen in sich selber. Sie müssen ruhig sein und gleichmütig.

Wie in den Polizeiromanen der Schweden Sjöwall/Wahlöö steht – ohne daß das Genre wie ein trojanisches Pferd benutzt wird – auch bei van de Wetering im Mittelpunkt, was die Helden bei ihrer Arbeit und darüber hinaus erleben, empfinden und denken: Wie sie sich entwickeln und verändern, indem sie tun, was sie tun, und sich verhalten, wie sie sich verhalten. Einmal sagt de Gier zu einer Frau, er wisse nicht, was er sei, aber er versuche es herauszufinden. „Verbrecher versuchen auch herauszufinden, was sie sind. Es ist ein Spiel, das wir mit ihnen teilen.“

Im Unterschied zu Sjöwall/Wahlöö jedoch, die mit ihren Büchern soziale Entwicklungen (die sozialdemokratische Gesellschaftsordnung Schwedens) kritisieren, geht es van de Wetering eher um individuelle Entwicklungen. Man spürt, daß er fast zwei Jahre lang in einem japanischen Zen-Kloster gelebt hat. Gleichmut ist bedeutsamer als Engagement, Einsicht bedeutsamer als Kritik. Das Richtige komme dem Nichts gleich, sagt der Commissaris einmal, und „vielleicht ist das .Nichts’ die allerletzte Wahrheit“. In der Welt, die als „der leere Spiegel“ erscheint, in dem nichts widerspiegelt und nichts widergespiegelt werden kann, heißt das höchste Ziel: „Satori“, Erkenntnis haben. Und Leben heißt: den Alltag als absolut leer erfahren und dennoch weiterarbeiten. „Vielleicht taugt die Welt nichts“, denkt de Gier, als er eines Tages, eine Straße hinuntergehend, Möwen und dunkelgraue Regenwolken beobachtet. „Aber ich bin da. Ich gehe hier und werde etwas tun.“