Hannover

Wer hätte das gedacht: Kaum war der gerade 39jährige Gerhard Schröder mit 215 von 246 Stimmen zum Nachfolger Peter von Oertzens als Vorsitzender des Bezirks Hannover gewählt worden, da griff er auch gleich nach den noch süßeren Trauben: Der Jung-Erhobene will Spitzenkandidat bei den nächsten niedersächsischen Landtagswahlen im Frühjahr 1986 und damit Herausforderer Ernst Albrechts werden.

Naßforsch hatte Gerhard Schröder seine kühne Absicht ohne Absprache mit dem Landes- und Fraktionsvorsitzenden Karl Ravens in einem Zeitungsinterview angemeldet, das wie ein Bömbchen in eine Landtagssitzung platzte. Und da erst keiner Widerspruch erhoben hatte, gleichfalls keiner als Gegenkandidat den Mund gespitzt hatte, ging der Durchstarter davon aus, unangefochten auch diese Schlacht gewonnen zu haben. Zu früh gefreut, ein bißchen zumindest.

Denn, wer hätte auch dies gedacht: Mit niedersächsischem Verzug, doch immerhin, erhob jetzt der SPD-Landesvorstand wider Schröders Parforceritt Einspruch und rügte den selbsternannten Kandidaten. Karl Ravens, der nach so vielen Niederlagen und Enttäuschungen sowieso nicht mehr antreten will, schalt Schröder, eine „überflüssige Debatte“ vom Zaun gebrochen und angeblich Absprachen auch mit Willy Brandt über die Terminfolge (Kandidatensuche erst von Herbst 1984 an, sechs Monate später Kür durch einen außerordentlichen Landesparteitag) mißachtet zu haben. Ravens’ Rüffel: „Voreiligkeit in Personalfragen hat sich in der SPD noch nie ausgezahlt.“

Abwarten. Wer sonst könnte wohl die SPD-Fahne im Land des springenden Rosses (Niedersachsens Wappentier) hochhalten? Ravens will nicht, Oertzen schon gar nicht, Hans Apel (der auch für Berlin und Hamburg schon im Gespräch gewesen war) wurde zwar durch das Gerede der aus Hannover stammenden „Kanaler“ unter Führung des stramm konservativen IG-Chemie-Vorsitzenden Hermann Rapp ins Gespräch gebracht, blieb indessen bisher stumm.

Schließlich hatte dem stürmenden und drängenden Schröder sogar sein geistiger Ziehvater und Wegbereiter Oertzen den Segen zu der fixen Kandidaten-Anmeldung gegeben: „Eine gute Idee.“ Außerdem ist der mutige Eigenwerber selber skeptisch genug, ob er das Rennen in der Partei machen wird.

Gerhard Schröder kennt seine niedersächsischen Pappenheimer: Bedächtig sind sie allemal, auf hergebrachte Formen bedacht, den Stil mehr pflegend als Chancen witternd und kühn wie kühl vorausplanend. Die Fraktion will ihn (noch) nicht, die Parteispitze (vorläufig) ebensowenig. Also setzt er auf die Basis, zieht von Ortsverein zu Ortsverein, um sich als Alternative anzubieten. Gegen den üblichen Versuch, ohne Risiko „im Schlafengehen an die Macht zu kommen“, will er – spätestens dann 1990 – in der Rolle des „Mobilisierers“ mit Personen und Programmen in dem quasi Zwei-Parteien-Land Niedersachsen so viele Sozialliberale und Grüne zu den vierzig Prozent SPD-Stammwählern dazugewinnen, daß er Albrecht schlagen kann. Er, nicht Apel, ist ein Kind des Landes und glaubt, eher als der Macht-Erfahrene (Apels Vorzug) Wechselwähler, Randwähler und Erstwähler (die sich gewöhnlich zu über 50 Prozent für die SPD entscheiden) anziehen zu können. Zumal dann, wenn sich die Bundespartei unter Willy Brandt nach der Kölner Raketen-Abstimmung ohnehin ein neues Gesicht geben wird.