Von Heinrich Albertz

Nicht oft hat das gesprochene Wort über den Tag hinaus Bestand. Anders Heinrich Albertz’ Predigten. Jene Predigt, die er vor einem Jahr zum Reformationsfest hielt, lohnt sich „nachzutragen“.

Reformationstag: Wir sind in einem großen, feierlichen Gottesdienst zusammen, mit dem Deutschen Fernsehen und einem Mann aus Berlin, das gewaltige, für manche, auch für meine Ohren ein wenig zu trutzige Kampflied „Ein feste Burg ist unser Gott“ ist gesungen worden – ist das nicht alles ein wenig zu viel des Guten?

Dabei haben wir es nur mit einem vergleichsweise kleinen Auftakt für das nächste Jahr zu tun, 1983, das Lutherjahr, die 500jährige Wiederkehr seines Geburtstages. Schon jetzt überschwemmt sein Name den Büchermarkt, und vermutlich werden wir seinen Namen eine Weile nicht hören können, wie weiland Goethe vor einem Jahr: Luther, der Reformator, der Revolutionär, der Fürstenknecht, der Verräter der Bauern, der Vater unserer gemeinsamen deutschen Sprache, der Spalter der Kirche, Luther in katholischer Sicht, als Ketzer oder gar nicht so schlimmer verirrter Bruder, Luther in der DDR und in der Bundesrepublik Deutschland.

Und ist das alles nicht ein bißchen viel?

Was geht es uns heute noch ernsthaft an?

Sind die Konfessionsgrenzen der Christen in unserem Lande nicht längst überwunden?