Mannheim

Baden-Württemberg, wir wissen es, ist ein Musterhörtle der Liberalität. Deshalb hat auch das Stuttgarter Kultusministerium den Leitern der schwäbischen, badischen und hohenzollernschen Lehranstalten überlassen, wie sie den Friedenstag der Schulen in den Griff kriegen, der vorige Woche mancherorts für Unruhe sorgte. Auch am Mannheimer Gymnasium in der Mecklenburger Straße hatten friedensbewegte Pennäler ihre Mitschüler aufgefordert, an diesem Tage nicht nur in demonstrativ auffälliger schwarzer oder weißer Kleidung zu erscheinen, sondern auch über Krieg und Frieden, Auf- und Abrüstung zu diskutieren. Damit erst gar keine Mißverständnisse auftreten, wie weit die baden-württembergische Liberalität geht, hat der Schulleiter rechtzeitig eine Woche vorher zwei Briefe herumgeschickt. In dem einen bittet er „alle Eltern“, „auf ihre Kinder einzuwirken, sich nicht von Gruppeninteressen vereinnahmen und politisch mißbrauchen zu lassen“.

Der zweite Brief war ein Rundschreiben an die „lieben Kolleginnen und Kollegen“, die „durch engagiertes und besonnenes Verhalten“ dafür sorgen sollten, daß dieser 20. Oktober „nicht im Namen des Friedens zu einem Tag des Unfriedens an unserer Schule wird“. Darin läßt der Mannheimer Studiendirektor aber auch eine unmißverständliche Sympathie für die Friedensbewegung erkennen. In Punkt Vier seiner schriftlichen Anweisung heißt es nämlich: „Sollten Schülerinnen und Schüler ihrer Friedenssehnsucht dadurch Ausdruck geben, daß sie sich während der Pause an den Händen halten oder sich in einer bestimmten Formation auf den Boden setzen, besteht kein Grund einzuschreiten.“

Ach ja: Das Mannheimer Gymnasium trägt den Namen der Geschwister Scholl.

K.P.