Von Sibylle Zehle

Kralle hat in der Küche noch einen Schluck Campari gefunden. Den kippt er in unsere Orangensaft-Gläser. „Was willste mehr“, sagt er, „Campari-Orrangsch wie im feinsten Haus.“

Der Drink wird in Großenkneten gereicht. Aufder Terrasse eines biederen Wohnhauses, irgendwo hinter Bremen auf dem platten Land. Die Herbstsonne wärmt. Der Blick über die friesischen Gärten und Felder ist milde. Kralle rülpst ein bißchen, und ich schaue den letzten Wespen dieses Sommers zu, die auf dem Tisch an den Campari-Flecken lecken.

Denn wo bleibt Peter? „Peter wäscht“, sagt Kralle, „da unten im Garten hängt er gerade seine kleine Wäsche auf.“ Und Stefan? Stefan kommt im selben Augenblick durch die Tür und meint: „Ne richtige Wohngemeinschaft sind wir nicht. Wir treffen uns hier eher satellitenmäßig.“

Ein seltsames Trio. Trio? Richtig. Das sind Gerhard „Kralle“ Krawinkel, Peter Behrens, Stefan Remmler – jene drei, die vor einem Jahr mit einem einzigen Lied die halbe Welt nervten. 168mal die Silbe Da, im Refrain 27mal gefolgt von Aha, dazwischen die Beschreibung einer alltäglichen Partnerschaft: „Ich lieb Dich nicht, Du liebst mich nicht.“

Ein Siegeszug genialer Schlichtheit. Den einen war’s quasi die Erkennungsmelodie der Neuen Deutschen Welle, den anderen schien es eine Verballhornung derselben. Doch wie es auch gefiel – als „dadaistische Exzentrik“ (eine deutsche Wochenzeitung) oder so simple as ga-ga (eine amerikanische Popzeitung) –, verkauft hat sich Da Da Da in 35 Ländern mehr als vier Millionen Mal.

Das Trio am Tisch ist jetzt komplett. Kralle sieht aus wie’n guter Kumpel; mit seinem kantigen Kinn und dem modisch gestuften Fransenschnitt würde er gut in die deutsche Nationalelf passen, er wäre genauso unauffällig wie die anderen. Peter hat sein Buster-Keaton-Gesicht aufgesetzt; und das ist so voll stiller Schicksalsergebenheit und starrer Trauer, daß man erschräke, würde er lächeln. Und Stefan mit seinem schmalen Intellektuellen-Kopf? Ihn hat die Münchner Mimin Cleo Kretschmer beschrieben. Sie gestand Bild: „Weil ich wahnsinnig kurzsichtig bin, hielt ich ihn im ersten Augenblick für Adriano Celentano.“