Von Irene Mayer-List

Auf der Terrasse vor dem kleinen Haus sitzt ein zahnloser, alter Afrikaner im langen, blauen Gewand. In gebrochenem Französisch redet er auf den jungen stämmigen Deutschen ein, den man sich in seinen Shorts, Tennisschuhen und T-Shirt besser auf einem deutschen Fußballplatz als in Afrika vorstellen kann. Die Farm liegt am Rande des Urwalds. Es ist schwül und heiß.

Der blonde Farmer wischt sich die Schweißperlen von der Stirn, dreht Zigaretten und trinkt sein Bier. Geduldig hört er dem alten Mann zu, widerspricht manchmal. Vor ihm flitzen kleine graue Echsen über die Steinplatten, in einem Käfig keifen laut die Affen. Auf dem Rasen hat der Gärtner das Unkrautzupfen eingestellt. Gelassen auf seine Harke gelehnt, genießt er das Palaver zwischen seinem weißen patron und dem alten Mann.

Der Anlaß: Im benachbarten Dorf, dessen Bewohner nahezu alle auf der Farm arbeiten, hat es Streit gegeben. Ein betrogener Ehemann vergiftete die Hühner seines Rivalen. Der wiederum vergiftete den Hund des Ehemanns, worauf die anderen Dorfbewohner den Streit satt hatten und beschlossen, als einfachste Lösung die untreue Ehefrau aus dem Dorf zu verjagen.

Der Dorfälteste hatte den deutschen Farmer schon um sein Einverständnis gebeten. Nur der alte Mann im blauen Gewand, der dem Clan der Frau vorstand, wollte noch ein gutes Wort für sie einlegen. Doch so recht überzeugt schien auch er nicht.

Das Palaver mit dem Deutschen über die Redlichkeit der Frau dauerte dennoch beinahe eine Stunde. „Ich hätte den Mann auch gleich wegschicken können. Aber das wäre hier in Afrika sehr unhöflich gewesen. Es ist eine Sache des Respekts, daß ich mit ihm diskutiere“, meint Willi Tebarts später zur Erklärung seiner Geduld. Nach einigem Überlegen fügt er in seinem unverkennbar rheinischen Tonfall hinzu: „Toleranz ist das Wichtigste, was man braucht, um in Afrika Erfolg zu haben. Ruhe bewahren und respektieren, daß sich hier nicht alles so anpacken läßt wie in Deutschland.“

Früher, vor zehn Jahren, als der heute dreißigjährige Tebarts nach dem Abitur durch Indien, Mexiko und die USA trampte, hätte er sich nie träumen lassen, daß er einmal Herr einer Zweihundert-Hektar-Plantage an der westafrikanischen Elfenbeinküste sein würde. „Ich dachte damals, die Weißen verdienen in den Entwicklungsländern doch nur das dicke Geld, tun selbst nix und lassen die Schwarzen arbeiten.“