Von Heinz-Günter Kemmer

Auf den blau-weißen Zapfsäulen steht es stolz geschrieben: Fuel of the future – Kraftstoff der Zukunft. „Sasol 100“ heißt das Produkt, das von den internationalen Mineralölgesellschaften an fast allen Tankstellen in Südafrika angeboten wird. Das Zukunftsprodukt, das längst Gegenwart geworden ist, kommt aus der Kohle.

Es ist synthetischer Kraftstoff, hergestellt nach einem Verfahren, das in Deutschland entwickelt und dort zuerst in großem Maßstab eingesetzt wurde – der Fischer-Tropsch-Synthese. Das ist eines der beiden Verfahren, mit denen schon vor Ausbruch des Dritten Reiches mit seinen Autarkiebestrebungen künstlich Benzin hergestellt wurde – zuerst in Leuna auf der Basis von Braunkohle. Deutsche Steinkohle wurde im Bergius-Pier-Verfahren verflüssigt.

Deshalb verwundert es zunächst, daß die Südafrikaner, denen doch beide Verfahren zur Verfügung standen, die umständliche Fischer-Tropsch-Synthese statt der direkten Verflüssigung wählten, obwohl sie Steinkohle einsetzen. Aber Kohle ist eben kein homogenes Produkt und südafrikanische Kohle ist so ein Mittelding zwischen dem, was wir unter Braun- und Steinkohle verstehen. So entschieden sich die Experten an der Südspitze Afrikas für Fischer-Tropsch.

Dies freilich nicht erst unter dem Druck der seit 1973 schwelenden Ölkrise, sondern schon mehr als zwanzig Jahre zuvor. 1950 begann die South African Coal, Oil and Gas Corporation (Sasol) im knapp hundert Kilometer südlich von Johannesburg gelegenen Sasolburg mit dem Bau ihrer ersten Anlage. Der deutsche Anlagenbauer Lurgi war dabei mit Rat und Tat zur Stelle. Damals ging es nicht um einen großen Beitrag zur Versorgung mit Kraftstoff, sondern um die Weiterentwicklung der Technologie, um für den Fall der Fälle gewappnet zu sein. Denn rentabel war Sasol I, wie die Anlage heute heißt, damals nicht.

Der Fall der Fälle traf Südafrika gleich doppelt: Von 1973 an explodierte der Ölpreis, und wenig später wurde im Iran der Schah davongejagt, der den afrikanisch-arabischen Ölboykott – wegen der Rassenpolitik gegen Südafrika verhängt – nicht mitgemacht hatte. Öl wurde für die Republik nicht nur teuer, sondern auch knapp. So entschied man sich 1975 für den Bau von Sasol II und 1979 für die Errichtung von Sasol III – beide Anlagen sind inzwischen in Betrieb und decken gemeinsam mit Sasol I knapp 40 Prozent des südafrikanischen Mineralölbedarfs.

Das ist nicht gerade viel und weit entfernt davon, das Land von der Mineralölzufuhr unabhängig zu machen. Aber die Südafrikaner sind zuversichtlich, auch mit einer totalen Ölsperre leben zu können. Ihre strategischen Ölreserven reichen aus, so wird immer wieder versichert, um das Land zu versorgen, bis weitere Sasol-Anlagen gebaut sind, die einen dann rationierten Verbrauch decken könnten.