Von Cornelie Sonntag

Streng steht der dunkelrote Bau inmitten einer Umgebung, die Anzüglichkeit und Amüsement verheißt. Gegenüber locken „Gay Sauna“, „Petit Fleur“ und der Imbiß „Zur Heißen Ecke“. Es ist wohl allein schon diese Lage, die der „Davidwache“ auf der Hamburger Reeperbahn ihren legendären Ruf beschert: die berühmteste Polizeistation Europas. Daß sie – neben der sonst üblichen nüchternen Nummer – den Namen zusätzlich führen darf, belegt eine gerahmte Urkunde im Büro des Revierführers Ludwig Rielandt.

Seit gut zehn Jahren leitet er den Betrieb. Kein bulliger Boß, ein eher schmaler Mann, der seinen Hang zum feinen Gebaren nicht verhehlt. Beim flüchtigen Hinschauen könnte man den 57jährigen mit der sorgsam gewellten Haarfrisur als smarten Entertainer einstufen – wäre da nicht das heikle Milieu, mit dem er sich herumschlagen muß, das ihn aber auch gepackt hat: Dieses widerborstige Stadtviertel, in dem er mit 110 Mitarbeitern für Ruhe und Ordnung sorgen soll, das ihnen aber ständig seine eigenwilligen Regeln aufzudrängen versucht.

St. Pauli, historisch gewachsenes Amüsierviertel, fügt sich auf engem Raum zu einer Szenerie besonderer Art: 3000 Prostituierte und ebenso viele Zuhälter, 450 Lokale, von der Bierschwemme über Diskothek und Dealer-Treff, Heimstatt für Penner und Tanzcafé bis hin zum exklusiven Etablissement, dazu die vielen Porno-Shops. Pro Nacht kommen in der Saison (und die zieht sich durchs Sommer-Halbjahr) außerdem rund 40 000 Besucher. Alles in allem „polizeilich gesehen eine geballte Ladung von Menschen, die nach bürgerlichem Maßstab nicht normal agieren und reagieren“, sagt Rielandt. Und dabei wird seine Stimme leise und eindringlich wie bei einem Märchenerzähler, den seine eigene Geschichte erschreckt und zugleich fasziniert.

Stolz ist der Davidwachen-Chef auf die Lage seines Hauses. In anderen Großstädten müsse man in den Vergnügungsvierteln lange nach der Polizei suchen – in Paris etwa, auch im Londoner Stadtteil Soho. Einzig St. Pauli hat seine Wache an exponierter Stelle; überdimensionale Buchstaben machen die Aufschrift „Polizei“ unübersehbar, wie eine klotzige Zäsur unterbricht das Haus die Leuchtreklamenfolge der Lokale und Läden ringsum – eine „Trutzburg inmitten der sündigen Meile“, findet ihr Chef.

Freilich – von Moralin-Säure mag er nichts wissen. Über Prostituierte dürften Polizisten keine abfälligen Urteile fällen. Das Geschäft mit dem Sex sei hier nun einmal nicht verboten; und die Stadt habe gut daran getan, da sich das Gewerbe nicht unterbinden, sondern allenfalls in die Anonymität abdrängen lasse.