Von Karl Heinz Wocker

Die pragmatischen Angelsachsen, ihrer eigenen Geschichte so sicher, spielen gelegentlich gern das Spiel, sich vorzustellen, ob es auch anders hätte kommen können. Winston Churchill beteiligte sich 1931 an einem Band mit Essays in solcher Konjektural-Historiographie unter dem Titel: ‚,If it had happened otherwise“. (Sein Beitrag: Wenn Lee die Schlacht von Gettysburg verloren hätte.)

Mutmaßlich hat keine der Nazi-Größen dies je gelesen. Und während es für den Gang der realen Geschichte wohl nicht viel bedeutete, ob Churchill Hitlers „Mein Kampf“ studiert hatte oder nicht, wäre umgekehrt eine Lektüre von Churchills sechsbändiger Geschichte des Ersten Weltkrieges „The World Crisis“, (erschienen 1923-1931) den Generälen des Dritten Reiches sicher sehr aufschlußreich gewesen. Sie konnten ja nicht wissen, daß Churchill am 3. September 1939 als neuernannter Marineminister die Admiralität betrat und fragte: „Wo ist der achteckige Tisch?“ Er gedachte, ganz einfach da weiterzumachen, wo er 1915 – nach dem Dardanellen-Mißerfolg – hatte aufhören müssen. Der Tisch fand sich, England war nie eine Wegwerfgesellschaft, und es fanden sich auch seine „gewohnten“ See-Karten.

Während ein Mitglied des Kriegskabinetts hämisch anmerkte, wann Winston denn wohl anfange, den Ministerkollegen aus seiner „World Crisis“ vorzulesen, schrieb der bereits im Geiste die Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Als im Dezember das deutsche Panzerschiff Graf Spee im Südatlantik gestellt wurde, hatte Churchill das alles schon einmal erlebt: „Es erinnerte mich an die sorgenvollen Wochen im Dezember 1914 vor den Gefechten bei Coronel und dann bei den Falkland-Inseln, als wir ... auf das Eintreffen von Vizeadmiral Graf von Spee mit den Schiffen ,Scharnhorst‘ und ‚Gneisenau‘ gefaßt sein mußten.“ Was war das schon für eine Differenz, diese bloßen 25 Jahre, im Leben des Mannes, der 91 wurde und dessen Comeback von Hitlers (Un-)-Gnaden er selbst so beschrieb: „Die zuständigen Stellen der Admiralität hatten den liebenswürdigen Einfall, dies der Flotte durch folgendes Signal mitzuteilen: „Winston ist wieder da’.“

So ergeht es einem derzeit alle paar Jahre, wenn ein neuer Band der epischen Lebensbeschreibung des Kriegspremiers und, so darf man es wohl sagen, Landesretters in die Buchläden kommt Churchills Sohn Randolph, unter der Wucht des Vaters früh zerstört, hatte sich vor 18 Jahren an die Arbeit gemacht, die offizielle Biographie zu schreiben. Nach seinem Tod 1968 übertrug der Chartwell Trust, der Churchills massive Aufzeichnungen hütet, die überlebensgroße Aufgabe an den Oxforder Historiker Martin Gilbert. Dessen neueste Abschlagzahlung auf das immer noch ungestillte Neugier-Konto der Nation ist nun erfolgt:

Martin Gilbert (Hsg.): „Finest Hour. Winston S. Churchill 1939-1941“. Verlag Heinemann, London 1983. 1308 S., 15,95 £.

Dies ist der 5. Band der Biographie, der inzwischen dreizehn Begleitbände von über 16 000 Seiten mit Dokumenten angegliedert wurden. Er umfaßt die Zeit von Churchills Wiedereintritt in die Politik bis zu Amerikas Eintritt in den Krieg. Das ist inzwischen die meist-, nicht zuletzt von Churchill selbst, beschriebene Phase britischer Politik dieses Jahrhunderts. Hier nicht im Stoff zu ersticken, nicht das Allzubekannte noch einmal umzupflügen, ist schon Biographenleistung genug. Eine kritische Sichtung des Materials wird man von einer offiziellen Darstellung wie dieser nicht erwarten. Aber der Leser gewinnt durch die Fülle der Äußerungen, Anordnungen, Zitate, durch die beigebrachten Erinnerungen von Churchills engen Mitarbeitern, durch die Rekonstruktion seiner Arbeitsweise ein Bild, das der Schatten nicht entbehrt.