Von Erika Martens

So schrill wie in diesem Herbst klangen die Reden auf den Gewerkschaftskongressen schon lange nicht mehr. Angst geht um unter Arbeitnehmern und Funktionären: Angst um den Arbeitsplatz, Angst vor der unsicheren Zukunft, Angst aber auch vor den Grenzen der eigenen Macht. Hinzu kommt tiefe Enttäuschung über die Politik der neuen christlich-liberalen Regierung in Bonn, von der sich viele Arbeitnehmer den wirtschaftlichen Aufschwung erhofft hatten. Statt dessen erleben sie, daß Staat und Unternehmen ihre sozialen Leistungen rigoros zusammenstreichen. Der versprochene Aufschwung kündigt sich allenfalls zaghaft an, die Arbeitslosigkeit aber wird sogar noch drückender.

Die Klassenkampfparolen der Spitzenfunktionäre haben Freunde wie Gegner verschreckt. Sie zeugen von blanker Wut und hilfloser Enttäuschung. Die Wortwahl fiel auch deshalb so kraß aus, weil es bei der IG Metall wie bei der IG Druck einen Wechsel an der Führungsspitze gab. Eugen einen rer und Leonhard Mahlein könnten ein letztes Mal vor großem Publikum ihrem Unmut Luft machen, und die neuen Männer versuchten, kämpferisches Profil zu gewinnen.

Doch nicht nur Profilierungssucht macht sie so aufmüpfig, sondern auch die Sorge, isoliert zu werden. jahrelang haben die Arbeitnehmer und ihre Organisationen am Aufbau und dann an der Bewahrung des Wirtschaftssystems mitgewirkt; Jahrelang haben auch sie für sozialen Frieden und Wohlstand gesorgt; jahrelang konnten sie zuletzt auf die Grundübereinstimmung mit der befreundeten SPD-geführten Regierung bauen. Nun stehen sie allem – gegen eine aus ihrer Sicht übermächtige konservative Koalition aus Unternehmern und Politikern.

Die hitzigen Wortgefechte auf den Kongressen sind nur Vorgeplänkel. Die Auseinandersetzung wird bald handfestere Formen annehmen: wenn im kommenden Frühjahr der Kampf um die Arbeitszeitverkürzung richtig beginnt. Denn für die Gewerkschaften ist dies ein Kampf mit politischen Dimensionen, ein Kampf, der über Wohl und Wehe der Arbeitnehmerverbände entscheidet.

Mit ihren Vorschlägen zur Arbeitszeitverkürzung wollen die Gewerkschaften vor allem Arbeitslosen zu neuen Jobs verhelfen. Nicht ganz uneigennützig, gewiß. Denn Arbeitslosigkeit schwächt auch die Interessenverbände, kostet Mitglieder und Beiträge. Die Folge: Die Unternehmer gewinnen die Oberhand, ihr gesellschaftspolitisches Übergewicht könnte die Gewerkschaften ins Abseits drängen. Auch darum ist die Arbeitszeitverkürzung für die Gewerkschaften zur Existenzfrage geworden.

Auf Wachstum allein mögen sie längst nicht mehr setzen, wenn es darum geht, die Beschäftigungsprobleme zu lösen. Wie aber die vorhandene Arbeit auf mehr Menschen zu verteilen wäre, darüber sind sich selbst die Gewerkschaften uneins. IG Metall und IG Druck plädieren für die Verkürzung der Wochenarbeitszeit, die Gewerkschaft Nahrung-Genuß-Gaststätten und die IG Chemie setzen auf den vorgezogenen Ruhestand, die Tarifrente.