Von Hermann Bößenecker

Die Aufsichtsräte der Gutehoffnungshütte sind „unglücklich“ und „bestürzt“. Denn das Rücktrittsangebot des Vorstandsvorsitzenden Manfred Lennings gibt, so meinen besonnene Vertreter der Anteilseigner und der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat, den Spekulationen um die Zukunft des Konzerns und seiner angeschlagenen Lastwagen-Tochter Maschinenfabrik Augsburg Nürnberg (MAN) neue Nahrung.

Dabei ist die Lage von MAN ohnehin schon ernst genug: In den letzten zwölf Monaten häuften sich die Hiobsbotschaften, die Lage spitzte sich dramatisch zu. Freitag dieser Woche, vierzehn Tage vor der nächsten Aufsichtsratssitzung, plant die Gewerkschaft in Augsburg eine Großdemonstration, „wie sie die Staat noch nicht erlebt hat“. Die Arbeitnehmer fürchten, MAN wolle sich von fünftausend ihrer noch rund vierzigtausend Beschäftigten trennen – das wären mehr als doppelt so viele, wie der Vorstand zunächst angekündigt hat. Sie reagierten mit turbulenten Betriebsversammlungen und Proteststreiks in Augsburg und Salzgitter, wo in den Werken Massenentlassungen bevorstehen. Eine fünfzehnköpfige Mitarbeiterdelegation trat gar beim Bundeskongreß der IG Metall in München auf mit dem Transparent: „Ist es bei MAN Augsburg aus?“

Pessimisten sehen schon einen zweiten Fall AEG. So weit ist es zwar noch nicht, aber dem Management werden jetzt schwere Fehler und Versäumnisse vorgeworfen.

Ein Betriebsverlust von rund dreihundert Millionen Mark im letzten Geschäftsjahr, strukturelle Verwerfungen und konjunkturelle Einbrüche zwingen zum raschen Eingreifen. Betroffen sind vor allem die Sparten Lastfahrzeuge (mit mehr als der Hälfte Anteil am Firmenumsatz) und Großdieselmotoren für den darniederliegenden Schiffbau. Die Kapazitäten müssen hier schleunigst heruntergefahren werden. Ein schlüssiges und überzeugendes Konsolidierungskonzept für die Gesamtunternehmen mit einer Perspektive für die Zukunft liegt bisher nicht auf dem Tisch.

Offensichtlich kann man sich hinter den Kulissen über die Details des Sanierungsprogramms noch nicht einigen, obwohl die Zeit drängt und ein weiteres Hinauszögern der MAN nur schadet. Dabei geht es nicht allein um die Sache, sondern auch um Personen, deren Konzepte und Karrieren auf dem Spiel stehen, und sicherlich auch um Schuldzuweisungen an dem Debakel, in das die MAN geraten ist.

Manfred Lennings, Chef der MAN-Mutter GHH und Aufsichtsratsvorsitzender bei MAN, trat deshalb die Flucht nach vorn an. Er selbst wollte zu seinem Job in Oberhausen auch den Vorstandsvorsitz bei der Tochtergesellschaft übernehmen; nach dem Aktiengesetz ist das für ein Jahr möglich. Aber Lennings fand nicht die Zustimmung seines Aufsichtsrates. Am Montag vergangener Woche bot er deshalb seinen Rücktritt an. Entschieden wird über dieses Angebot zwar erst am 8. November, aber wenn nicht ein Wunder geschieht, wird der 49jährige Lennings im nächsten Monat seinen Stuhl im Verwaltungsgebäude in Oberhausen räumen. Eine Traumkarriere wäre dann abrupt unterbrochen: Schon im Alter von 34 Jahren war Lennings Vorstandsmitglied der Deutschen Werft AG geworden, mit 36 wurde er Chef des Unternehmens und mit vierzig trat er an die Spitze der Gutehoffnungshütte, des größten Maschinenbaukonzerns Europas.