Von Henryk M. Broder

Als ich im März 1981 in Israel ankam, wurde eine Mark gegen vier israelische Schekel getauscht. Heute bekomme ich für eine Mark 32 Schekel. Anfang 1981 kostete ein Falafel, jene mit Gemüse und frittierten Bällchen aus Kichererbsenmehl gefüllte Teig-Tasche, sechs Schekel: genau 1,50 Mark. Auch als man für eine Mark auf der Bank schon zehn Schekel bekam, kostete ein Falafel immer noch 1,50 Mark. Der Falafel-Preis war immer ein Richtwert, eine Orientierungshilfe. Man mußte vom Preis etwa ein Drittel abziehen, um auf den jeweiligen Kurs der Mark zu kommen. Inzwischen kostet ein Falafel einhundert Schekel, etwas mehr als drei Mark.

Für eine Ausgabe der Jerusalem Post, die Anfang 1981 vier Schekel kostete, müssen heute 45 Schekel bezahlt werden. Rein rechnerisch hat sich der Preis vereinfacht, im Verhältnis zur D-Mark ist er um fünfzig Prozent gestiegen.

Was für den Falafel, das orientalische Schnellgericht, und die Jerusalem Post gilt, gilt für alle Waren und Dienstleistungen, die in Israel angeboten werden. Die Preise gehen noch schneller in die Höhe als die Wechselkurse der Devisen. Ausländische Touristen, die ins Land kommen, merken es ebenso rasch wie Israelis, die ins Ausland reisen. Israel ist ein extrem teures Land geworden, so teuer, daß selbst die Schweiz und die Bundesrepublik einem wie Niedrigpreisparadiese vorkommen.

Den Zustand der israelischen Volkswirtschaft im gegenwärtigen Stadium zu beschreiben, ist keine leichte Sache. Die Ökonomie in Israel sei wie die Politik im Libanon – keiner blicke mehr durch, meinte kürzlich ein israelischer Gast in Werner Höfers Frühschoppen. Am allerwenigsten offenbar die israelische Regierung selbst: Derselbe Finanzminister, dessen Geschäftsführung die dankbaren Wähler in Massen in das Lager von Menachem Begin getrieben hatte, wurde wegen seiner eben noch als erfolgreich gepriesenen Politik zum Rücktritt gezwungen, nachdem sein Plan bekannt geworden war, den Dollar als zweite offizielle Landeswährung einzuführen, also einen Zustand zu legalisieren, der de facto längst existiert.

Nachdem Joram Aridors Plan, von Kritikern als „Anschlag auf die nationale Souveränität“ verurteilt, durch eine Presseveröffentlichung im letzten Moment vereitelt werden konnte, wurde außer der nationalen Ehre, die zur vollen Entfaltung nicht nur eine eigene Flagge, eine eigene Hymne, sondern auch eine eigene Währung mitsamt hausgemachter Inflation braucht, nichts mehr in Frage gestellt. Die neue Regierung unter Shamir denkt seit ihrer Amtseinführung darüber nach, was sie unternehmen könnte, um die Wirtschaft des Landes zu sanieren, ohne die Bürger, von deren Wohlwollen sie immerhin abhängt, durch allzu drastische Maßnehmen zu verärgern.

Eine jährliche Inflationsrate von 150 Prozent, eine eben erfolgte Schekel-Abwertung um etwa ein Viertel, lange Autoschlangen vor den Tankstellen und durch Hamsterkäufe leergeräumte Regale in den Supermärkten, das könnten Stationen einer Reise aus der Krise in die Katastrophe sein. Aber solche Eindrücke geben die Lage im Lande nur unzureichend wieder. Israels Hauptproblem ist weder die Inflation noch das Zahlungsbilanzdefizit, das in diesem Jahr 5,2 Milliarden Dollar erreichen wird, sondern die wachsende Kluft zwischen privatem Reichtum und öffentlicher Armut, ein Zustand, den die Regierung Begin vorsätzlich herbeigeführt hat und mit dessen Folgen sie nicht fertig wird.