Von Eva Marie von Münch

Als am 16. April 1982 in Erlangen Oliver Wimmelbacher geboren wurde, war das eine Sensation. Er ist das erste deutsche „Retortenbaby“, im Reagenzglas (in vitro) gezeugt, mit einem Plastikschlauch in den Bauch seiner Mutter zurückgespült und nach neun Monaten planmäßig (und nur seiner Größe wegen mittels Kaiserschnitt) geboren. Heute gibt es weltweit mehr als 200 Kinder seiner Art, und es sieht ganz so aus, als eroberte sich der „Embryotransfer nach extracorporaler Befruchtung“ einen festen Platz in der Gynäkologie.

Wenn die künstliche Zeugung von Menschen medizinisch ein gelöstes Problem ist, heißt das aber noch lange nicht, daß man darüber zur Tagesordnung übergehen und im medizinischen Lehrbuch die nächste Seite aufschlagen könnte. Seit Ärzte in den innersten Bereich der Entstehung menschlichen Lebens eindringen, ergibt sich vielmehr nahezu von selbst eine Reihe von Fragen. Ist hier nicht eine Grenze erreicht, bei der die Forschung zumindest einmal Pause machen sollte um nachzudenken, was sie da eigentlich tut?

Was wird der nächste Schritt sein? Kommt nach der künstlichen Zeugung die Züchtung des geborenen Supermenschen und der geborenen Arbeitsbiene? Kommt das Kind nach Katalog? Brauchen wir Regeln, Leitlinien, Grenzen, die den neugierigen Wissenschaftler an die Kette legen? Um diese Fragen ging es bei einer Tagung, zu der der Deutsche Juristinnenbund kürzlich in West-Berlin eingeladen hatte.

Lieselotte Mettler, Professorin an der Frauenuniversitätsklinik in Kiel, ließ keinen Zweifel an der medizinischen Machbarkeit von Eingriffen ins menschliche Erbgut Bisher ist die künstliche Zeugung zwar per Saldo nichts weiter als eine Form der Therapie für zeugungsunfähige Eltern. Wenn die Eileiter der Frau hoffnungslos verwachsen sind, wenn das Sperma des Mannes zur natürlichen Befruchtung nicht ausreicht, greift der Arzt helfend ein. Ergebnis: ein Kind, das sehnlichst erwünscht ist. Das macht auch moralisch nicht wirklich Probleme, wie der katholische Theologe Professor Johannes Gründe! aus München bestätigte. Nur manche Krankenkassen legen sich quer.

Es wäre aber auch möglich, das „in vitro“ befruchtete Ei einer anderen Frau einzupflanzen, die stellvertretend für die genetisch „richtige“ Mutter die Schwangerschaft austrägt. So wie die Damen des Adels und des Großbürgertums früher Ammen nahmen, die ihre Kinder stillten, könnten künftig emanzipierte Berufsfrauen Gastmütter engagieren, die ihre Kinder auch gebären. Das wäre schon ein Schritt hinaus über die reine Behandlung der Kinderlosigkeit.

Moralisch wäre er vielleicht zu rechtfertigen, weil auch hier Lebenserhaltung und das „personale Ja zum Kind“ im Vordergrund stehen. Juristisch aber gibt es Schwierigkeiten; darauf wies die Hamburger Jura-Professorin Dagmar Coester-Waltjen hin. Nach unserem Recht ist nämlich diejenige Frau als Mutter anzusehen, die das Kind geboren hat; ist sie verheiratet, gilt ihr Ehemann als Vater. Zwar kann der Schein-Vater die Ehelichkeit des Kindes anfechten und die Mutter kann das Kind zur Adoption durch seine genetisch „richtigen“ Eltern freigeben.